Newsletter
Juni 2026

Prolog
Wirklich ausnehmend gute Laune
Liebe Leserinnen und Leser
Liebe Freundinnen und Freunde von JuAr Basel
Liebe Alle
Es war ein wunderbarer Anlass, das jährliche Betriebsfest von JuAr Basel am 12. Juni, perfekt organisiert von unserer Freizeithalle Dreirosen, ein fantastischer Start in den Sommer. An die 90 Mitarbeitende, Geschäftsleitende und Vorstandsleute versammelten sich im Brasilea an der Westquaistrasse, altgediente, mittelalte und die jüngsten. Denn JuAr Basel ist ein stolzer Generationenbetrieb. Der Anlass war Party, Essen, Umtrunk, Diskussionsplattform, fliessender und fliegender Austausch, räumlich prima aufgeteilt, es gab Zonen für Party und Abrocken, Tische für Gespräche – und wirklich ausnehmend gute Laune. Unsere Organisation ist aus den Unruhen von 2024 gestärkt hervorgegangen. Wer an die 20 JuAr-Basel-Feste mitbekommen hat, weiss, dass sie immer auch die Stimmung in der Organisation reflektieren. Solche Anlässe sind ein Sensor für die Befindlichkeit einer Gruppe von Menschen, die sich engagiert und professionell um die Anliegen Jugendlicher und junger Erwachsener kümmert. Anwaltschaftlich. Das verbindet!

«We got to stand side by side
We got to stand together and organize
Send power to the people, that’s what they’re screaming
Freedom of the soul
Pass it on, pass it on, to the young and the old
You got to tell the children the truth
They don’t need a whole lot of lies
Because one of these days, baby
They’ll be running things»
Jimi Hendrix, 1970
Diese positiven Vibrationen haben durchaus mit der Aufbruchstimmung zu tun, die unsere 3GL ins Haus JuAr bringt, die bereits im letzten Jahr spürbar wurde, nach dem Krisenjahr 2024, und immer noch präsent ist. Aber auch mit konkreten Neuerungen: Die IT und die Finanzangelegenheiten unserer Organisation wurden auf neue Beine gestellt, Abläufe wurden neu organisiert, Aufgaben neu definiert, Anliegen wurden gehört und, wenn möglich, erfüllt.
Ein Geist der Transparenz in alle Richtungen, des Zuhörens, des unaufhörlichen Lernens am Objekt hat die Organisation erfasst.
Als Präsident dieser Körperschaft ist es mir ein grosses Anliegen, dass die Leute, die bei uns arbeiten, sich wohlfühlen, dass sie ernst genommen werden, denn dies überträgt sich auch auf unsere Klientel: die gesamte Jugend dieser Stadt, die unsere Angebote freiwillig und kostenlos besuchen kann – und dies auch rege tut.
Mein Verständnis von Vorstandsarbeit und Leitung ist, dass wir unseren Mitarbeitenden den Rücken freihalten, dass wir ein gutes Verhältnis zueinander haben, das von Freundlichkeit und Kritikfähigkeit geprägt ist, dass alle Ideen einbringen, neue Synthesen vorschlagen, neue Wege erproben können.
Denn nur so atmet die Offene Jugendarbeit, so kann sie auf das Tempo der Jugend reagieren und auf ihre Sozialräume, denn Jugendarbeit darf nie isoliert sein, sie ist eine Akteurin in ihrem direkten Umfeld, sie reisst Perspektiven auf, erkennt Signale und Chancen, antizipiert Trends und Trendwenden. Ich kann die Berufserfahrung unserer Mitarbeitenden nicht genug würdigen und ernst nehmen. Diese unzähligen Geschichten, die sich in unseren Angeboten Woche für Woche ereignen, erfreuliche, interessante, schwierige. Die unglaubliche Disziplin, die hinter dem Wort Beziehungsarbeit steckt, diesem Hochseilakt zwischen Nähe und Distanz, von dem in diesem Newsletter ausführlich die Rede sein wird, all die Erkenntnisse, Überraschungen, Notfälle, Erleuchtungen, Freuden und Frustrationen, die der Alltag der Offenen Jugendarbeit mit sich bringt.
Das ist eine Arbeit am Kern des Realen unserer Gesellschaft. Das Genre bleibt für mich ungeheuer motivierend. JuAr Basel ist und bleibt auf dem Weg!
Ich wünsche Dir, wünsche Ihnen, viel Vergnügen bei der Lektüre dieses Newsletters und einen schönen Sommer!
Herzlich
One Love
Christian Platz, Präsident JuAr Basel
JuAr Basel Insights
Jugendzentrum Neubad
«Wie viel Nähe braucht es? Wie viel Distanz ist notwendig?»
Und immer fällt im Zusammenhang mit der Offenen Jugendarbeit dieser Begriff: Beziehungsarbeit. Ein zentraler Wert unseres Fachs. «Ich mag dieses Wort nicht», sagte ein gleichaltriger Kollege neulich im Café zu mir. Beziehung sei Beziehung, Arbeit sei Arbeit. Das sei doch einfach ein zusammengebastelter Kunstbegriff zur Rechtfertigung sozialarbeiterischen Rumhängens. Das hat mich gestartet. Ob man den Begriff mag oder nicht – finde einen besseren –, er beschreibt tatsächlich ein professionelles, wirksames Vorgehen in der Offenen Jugendarbeit. Der Offene Treff ist keineswegs einfach Aufenthaltsraum mit Personal. Vielmehr gilt: Ohne Beziehung kein Zugang. Ohne Zugang keine Wirkung. Einige Gedanken und ein Gespräch mit Jennifer «Jenny» Küng zu diesem Thema. Sie arbeitet im Jugendzentrum Neubad und hat jahrelange Erfahrung in der Offenen Jugendarbeit.

Offene Jugendarbeit steht auf der Seite der Jugendlichen
Unsere Offene Jugendarbeit ist stark, weil sie Jugendliche kennt. Professionelle Beziehungsarbeit in der Offenen Jugendarbeit ist die verlässliche, niederschwellige und reflektierte Präsenz von Fachpersonen in jugendlichen Lebenswelten. Sie schafft Vertrauen ohne Kumpanei, Nähe ohne Vereinnahmung, Grenzen ohne Abbruch und Beteiligung ohne Zwang. In unseren Jugendzentren endet Beziehungsarbeit nicht beim einzelnen Jugendlichen. Sie läuft über Gruppen, Cliquen, Familien, Schule, Behörden, Nachbarschaft, Sportvereine, Kultur, Kulturschaffende, Migrationsmilieus, religiöse Räume, Strasse, Park, Polizei, Social Media. Offene Jugendarbeit steht auf der Seite der Jugendlichen.
Das heisst nicht, dass wir alles entschuldigen. Es bedeutet, dass wir ihre Lebenslage, Sprache, Konflikte, soziale und kulturelle Hintergründe, Wünsche, Wut, Langeweile, Grenzen, Scham und Persönlichkeiten ernst nehmen. Gerade in der Offenen Jugendarbeit, wo Beziehungen informell aussehen, muss die Reflexion scharf bleiben. Jugendzentren sind keine Betreuungsinseln. Sie sind Seismografen eines Quartiers und der Stadt, die es umgibt.
Jennifer Küng: Vom Eglisee ins Neubad
Das gilt auch für das Jugendzentrum Neubad von JuAr Basel. Die Stellenleitung hat Guido Morselli. Das Jugendzentrum sitzt in einem bejahrten Containerbau (wir warten schon sehr lange auf einen Neubau, es ist wirklich Zeit, dass sich hier etwas bewegt), der dennoch eine formidable Raumhülle bildet: für Offene Jugendarbeit, junge Musik-, Tanz- und Graffitischaffende und weitere Interessengruppen. Zudem ist hier die Schulexterne Tagesstruktur Basel-West mit Mittagstisch daheim.
Jenny Küng ist im Jugendzentrum Neubad als Bereichsverantwortliche für Offene Jugendarbeit für den Offenen Treff zuständig. Zuvor arbeitete sie im Jugendzentrum Eglisee/Hirzbrunnen von JuAr Basel. Wie erlebte sie diesen Wechsel, gerade in Bezug auf Beziehungsarbeit?
«Gleiche Rechte für Alle»
Jenny Küng: «In der Beziehungsarbeit ist die Beziehung bewusst und reflektiert. Wie viel Nähe braucht es? Wie viel Distanz ist notwendig? Die Antwort hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. Im Offenen Treff verbringen wir Freizeit zusammen. Jugendliche können sich uns anvertrauen, um Probleme zu besprechen. Dafür braucht es Nähe. Aber es braucht auch eine klare professionelle Distanz. Es darf zum Beispiel nicht sein, dass man im Treff Lieblingskinder hat. Gleichberechtigung ist im Offenen Treff zentral. Alle haben in ihrer Diversität dieselben Möglichkeiten, alle haben dieselben Rechte, alle kennen dieselben Regeln. Niemand wird bevorzugt.
Ich konnte in zehn Jahren Offener Jugendarbeit oft beobachten, wie empfindlich Jugendliche auf Gerechtigkeit und Gleichbehandlung reagieren. Da kommt schnell die Frage: Warum bekommt der oder die etwas – und ich nicht? Eine gute Antwort ist dann: Weil er oder sie etwas fürs Jugendhaus gemacht hat. Dann fragen sich die Jugendlichen: Was kann ich für das Jugendhaus tun, damit ich auch etwas bekomme? Genau dort entsteht ein animatorischer Anreiz. Der Ortswechsel bedeutete für mich als Jugendarbeiterin auch, mich von alten Beziehungen zu verabschieden. Das war mit einem Resümee verbunden: Was war schön? Was war schwierig? Denn im Eglisee gab es natürlich auch Situationen mit Jugendlichen, die äusserst schwierig waren, die wir aber als Team gut gemeistert haben.»
«Du darfst nicht eingeschnappt sein»
Und welche Fragen bewegen Dich in diesem Zusammenhang? Jenny Küng: «Aus der Distanz frage ich mich, wie ich Jugendliche erreichen, sie in ihrer Mitwirkung und Entwicklung fördern konnte. Für mich stehen dabei die gemeinsamen Aktivitäten im Zentrum, bei denen wir zusammen im oder für das Jugi etwas gestalten konnten. Im Eglisee gab es schöne Beispiele: Wir haben zusammen ein Video produziert, die Mädchen-Toilettentür angemalt, eine Thekengruppe mit Jugendlichen gegründet. Etwas fürs Jugi machen, eine Idee der Jugendlichen gestalterisch oder organisatorisch ausführen, das ist immer ein Erfolg. Das erlebe ich hier im Jugi Neubad genau gleich.
Ich habe mich auch gefragt, wie stark die Beziehung und das Vertrauen zu anspruchsvollen Jugendlichen war, die öfters über die Stränge geschlagen haben. Ich denke jedoch, dass Jugendliche die Grenzen überschreiten, sich im Jugi und in der Beziehung zum Team so sicher fühlen und sich dadurch getrauen ihre Kicks auszuleben. Wichtig ist, dass ihnen vom Team dann begründet die Grenzen aufgezeigt werden. Und folgendes ist fast noch wichtiger, sobald es um Beziehungsarbeit geht: Du darfst nicht eingeschnappt sein, wenn Dir Jugendliche schräg kommen. Du nimmst es vielmehr zum Anlass, die Impulse zu verstehen, die dahinterstecken. Anstatt etwas persönlich zu nehmen, sieht man es als Input, mit dem man weiterarbeiten kann.»
Eine andere sozio-ökonomische Struktur
Aber das Neubad unterscheidet sich ja schon vom Eglisee/Hirzbrunnen…? Jenny Küng: «Das ist richtig. Wir haben hier eine andere sozio-ökonomische Struktur als im Kleinbasel. Es gibt hier viele gut gestellte Haushalte, Jugendliche bringen oft eine Menge Bildung und starke Interessen mit. Doch man darf das nicht verallgemeinern. Es gibt auch hier Jugendliche mit Migrationshintergrund, es gibt viele Expats aus anderen Kulturen, es gibt auch hier drängende pädagogische Fragen, Grenzüberschreitungen und Provokationen im Treff. Aber zunächst einmal war ich begeistert von der Energie der 11- bis 13-jährigen Jugendlichen, die ich im Jugi Neubad kennenlernte. Das ist ein anderer Altersmix als im Eglisee, wo die Spitzen bis zu den 16- und 18-Jährigen gehen. Der Mädchenanteil liegt hier übrigens bei etwa 25 Prozent. Es ist ein sehr junger und lebendiger Treff.
Die Kids wollen viele Sachen kennenlernen und ausprobieren. Unser Einzugsgebiet ist recht umfangreich: Neubad, Gotthelf, Bachgraben, Breite. Wir arbeiten sehr gut mit den Schulhäusern Gotthelf und Neubad zusammen, zudem sind wir regelmässig am Sek-Standort der Tagesstruktur zu Gast. Und natürlich tauschen wir uns mit den Schulen auch über pädagogische Themen mit Berücksichtigung des Datenschutzes aus. Unser Programm und unsere Impulse gestalten wir nach aktuellen Themen. So begleiten wir die ersten Schritte der sehr jungen Jugendlichen auf dem Handy, informieren über Rauchen und Vapen, reden über Ernährung, Food Waste, Freundschaft, Beziehungen, Gewalt. Das alles sehr niederschwellig. Wir machen neben dem Programm viel Ad-hoc-Animation. Die Grundlage all dieser Aktivitäten ist und bleibt, nebst pädagogischem Geschick und Achtsamkeit, eben die Beziehungsarbeit.»
JuAr Basel Insights
Ferienpass
Vom Glücksrad zur Digitalrakete
Unser Basler Ferienpass startet in die Saison 2026. Der Claim heisst «Ferienfieber». Ein schönes, leicht flirrendes Wort, das Assoziationen weckt: Es riecht nach Schulschluss, Glace, Rheinluft, nassen Haaren, aufgeheiztem Asphalt, nach Tagen, die plötzlich zu gross sind für ein Kinderzimmer.

Freie Zeit anders erleben
Der Ferienpass ist ein Angebot von JuAr Basel. Bis 2012 hiess unsere Organisation ja Basler Freizeitaktion, BFA. Deren Geschichte reicht weit zurück. Schon in den vierziger Jahren bot diese BFA Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten, freie Zeit anders zu erleben, in Stadt und Land. Basel war damals eng, Europa stand im Krieg, die Grenzen waren hart, die Welt klein. Ausflüge, günstige Fahrten, Schifffahrten, Radiobastelkurse, Veloputztage, Wärmestuben: Aus solchen Angeboten entstand ein starker Faden, der sich bis heute durchzieht. Die BFA war natürlich Kind ihrer Zeit. Bürgerlich, erzieherisch, geprägt von Ordnungsvorstellungen. Aber in dieser alten Idee steckte etwas, das stärker war als ihr damaliger Ton: Kinder sollten in der freien Zeit Zugang bekommen. Zur Stadt, zur Region, zu neuen Räumen, zu Erfahrungen, die sonst nicht selbstverständlich waren. Ein Museum. Ein Gartenbad. Eine Werkstatt. Eine Fahrt über den See. Ein Tag, der anders war als die anderen.
Viel Sommer für wenig Geld
1975 wurde aus diesem langen Vorlauf der Basler Ferienpass. Auf dem Münsterplatz stand ein Glücksrad. Kinder drehten daran, Eltern schauten zu, Lose flatterten, der Sommer bekam eine konkrete Form. Für wenig Geld kamen Kinder in Bäder, Museen, auf Ausflüge und in Kreativangebote. Der erste Basler Ferienpass war da, der erste seiner Art in der Schweiz. Ein Stück Karton, aber geladen wie eine Batterie.
Suchen, vergleichen, buchen
Heute steht kein Glücksrad mehr auf dem Münsterplatz. Heute erscheint das Programm online. Familien suchen, vergleichen, buchen. Der Ferienpass hat seine Form gewechselt: vom Telefon zur Datenbank, vom Zettelkasten zur Plattform, vom Glücksrad zur Digitalrakete. Das klingt gross, ist aber im Kern schlicht und einfach: Ein Angebot bleibt lebendig, wenn es auch beweglich bleibt, seine alten ideale jeweils mit zeitgemässen Mitteln vorantreiben kann.
Das Programm 2026 besteht aus 20 Grundangeboten, 110 Kreativangeboten im Sommer sowie 34 Kreativangeboten im Herbst. Die Grundangebote öffnen die Stadt und die Region. Gartenbäder, Museen, Freizeiteinrichtungen. Man braucht dafür keine Anmeldung, man hat den Pass und geht los. Das ist wichtig. Das ist der einfache, soziale Sockel dieses Angebots.
Die Kreativangebote bringen den Starkstrom hinein.
Und so weiter, und so weiter…
Da wird nicht nur gebastelt, gespielt und geturnt. Da entstehen Lichtobjekte aus Alabaster, elektronische Smileys, eigene Schachfiguren aus Metall, Druckbilder aus Luftballon, Laub und Lego. Da wird in der Blindenhundeschule eine andere Form von Orientierung erfahrbar, bei «Demokratie & Popcorn» über Mitbestimmung gesprochen, im Novartis SchoolLab das Getränk im Becher unter die Lupe genommen. Kids lassen im Flipperclub die Kugeln flitzen, flössen auf der Birs, produzieren Podcasts, bekommen Einblick in die Arbeit von Polizei und Sanität, programmieren einen Einkaufsladen oder kochen draussen am Feuer. Sie lernen, wie man mit Lebensmitteln kocht, die übrig bleiben, tanzen Highland Dance, besuchen den Babysitting-Kurs des SRK, wirken in der Naturapotheke, erleben Märchen im Wald, springen in Breakdance und Breaking artistisch zum Beat herum oder erfinden an einem Musiktag gleiche ihre eigene Musik. Und so weiter, und so weiter….
Das ist Ferienpass: ein schön wilder und vielseitiger Basler Setzkasten, in dem plötzlichDinge nebeneinanderliegen, die sonst nie am selben Ort auftauchen würden. Der Claim «Ferienfieber» passt zur Saison 2026. Ferien sind für Kinder nicht einfach ein leerer Kalender. Ferien sind Erwartung, Hitzetage, Regentage, Langeweile, Übermut, manchmal auch Einsamkeit. Der Ferienpass gibt dieser offenen Zeit Inhalte, Richtungen, füllt sie mit Inspirationen und Erfolgserlebnissen. Ein Grundangebot kann einen ganzen Tag füllen. Ein Kreativangebot kann eine Tür öffnen. Ein Ort, den man zum ersten Mal wirklich betritt, kann für lebenslange Inspiration sorgen.
Leichtigkeit, die jede Menge Arbeit verlangt
Dina Brenner und Claudine Berli führen den Ferienpass in Co-Leitung. Sie tragen ein Angebot weiter, das leicht wirken soll und im Hintergrund jede Menge Arbeit und Einsatz verlangt. Grundangebote und Kreativangebote müssen stimmen, alle Absprachen müssen solide sein, auf Notfälle wird sofort reagiert, Partnerschaften müssen halten, Zugänge müssen funktionieren, gute Begleitpersonen gefunden werden, Preise müssen bezahlbar bleiben. Da brauchen Eltern Auskunft, Kinder brauchen klare Wege, und wenn die Saison läuft, darf der Apparat keinesfalls stocken.
Vom Glücksrad zur Digitalrakete: Das ist die Linie. Von den frühen BFA-Angeboten der vierziger Jahre über den ersten Ferienpass von 1975 bis zum heutigen Angebot von JuAr Basel. Die Medien haben gewechselt. Der Impuls ist geblieben. Ferien sollen für Kinder nicht klein werden, nur weil sie in Basel bleiben. Nun startet das Programm 2026. Ferienfieber. Wieder dreht sich etwas glücksverheissendes, nur anders als damals auf dem Münsterplatz. Und während Kinder, Familien und Anbieter in die neue Saison gehen, arbeitet das Ferienpassteam mit Expertenberatung weiter an der Ausdehnung seiner digitalen Möglichkeiten.
JuAr Basel-Talk
MOMENT_AUFNAHME
Individuallösungen statt starrem Betreuungsschlüssel
Ein Gespräch mit dem Sozialpädagogen Cornelius Wagner, der vor vier Monaten seine Leitungsstelle in unserer Tagesstruktur Dreirosen angetreten hat. Dies, nachdem das Angebot durch eine lange Krise gegangen war, die zu mehreren Entlassungen führte. Diese wurden von der Geschäftsleitung JuAr Basel durchgeführt, bevor der neue Leiter an Bord kam. Wagner hatte zuvor fast 19 Jahre lang im Sonnenhof in Arlesheim gearbeitet, unter anderem als Teamleiter und Teilbereichsleiter im Kinder- und Jugendbereich.

Du hast im Februar als Leiter unserer Tagesstruktur Dreirosen angefangen, nach einer sehr schwierigen Phase. Was hast Du hier angetroffen?
Cornelius Wagner: Ich habe natürlich ein Team angetroffen, das sehr gespannt war, wer da kommt, nach einer recht langen Zeit ohne eigentliche Leitung. Ich habe gespürt, dass sie darauf warten, dass hier jemand wieder Verantwortung übernimmt. Trotzdem spürte ich keinen Druck von den Teamleuten. Die Botschaft an mich war: Komm erst mal an. Es lagen nicht am ersten Tag bereits Probleme auf dem Tisch. Ich hatte wirklich Zeit, diese Tagesstruktur kennenzulernen. Das war sehr bereichernd und hat mich gerührt, denn ich habe das so noch nie erlebt. Normalerweise dominiert das Tagesgeschäft alles, aber ich erhielt Raum, um mich einzuleben.
Auch hatte ich Glück: Jessica Meier, Tagesstrukturleitung im Hoburg Schulhaus und Intermins-Leitung Dreirosen, hat sich wirklich Zeit genommen, mich zu begleiten und mich in meine Aufgaben einzuarbeiten. Und was habe ich noch angetroffen? Natürlich 160 Kinderaugen, die mich anschauten und mich fragten: Wer bist Du? Was machst Du? Bist Du der neue Chef? Das hat mich beeindruckt: diese Vielfalt an Kulturen, die hier im Dreirosen aufeinandertreffen, friedlich und harmonisch.
Das ist ja eine Signifikanz dieses Quartiers, dieser Kulturmix. Wir kennen das ja aus allen JuAr-Basel-Angeboten im Kleinbasel. Du bist neu hier, hast vorher in Arlesheim gewirkt. Wie nimmst Du die Situation hier wahr?
Es gibt ja eben diese zwei Komponenten: den Kulturmix und jene der sozialen Schichten, die hier in den Strassen, im Alltag, aufeinandertreffen. Das macht die Beziehungsarbeit zu den Kindern in der Tagesstruktur besonders wichtig. Die Botschaft soll sein: Du bist hier richtig, an einem sicheren Ort, Du darfst hier sein – und trotzdem gibt es hier Regeln, die wir gemeinsam immer wieder erlernen müssen, an die wir uns halten. Wichtig ist aber auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Eltern sind von der Tagesstruktur ja recht weit weg. Wir haben keinen Auftrag, eigentliche Elternarbeit zu machen, unser Auftrag ist es, auf die Kinder zu schauen. Trotzdem spielen die Eltern eine derart grosse Rolle. Wir sehen sie ja meistens nur, wenn sie die Kinder abholen, dann sind sie schnell wieder weg. Aber man muss sich den Kontakt zu ihnen aktiv holen. Und das machen wir.
Wir sind ja hier in einer der dichtest bewohnten urbanen Zonen der Schweiz. Das ist hier ja eine richtige Wohnmaschine. Hat das einen Einfluss?
Ja, einer ist sicher, dass die meisten Kinder sehr kurze Schulwege haben. Viele wohnen nur eine oder zwei Querstrassen vom Schulhaus entfernt. Sie sind quasi sofort daheim. Das ist an anderen Orten auch so, aber dort ist das Einzugsgebiet grösser. Man begegnet sich, auch wenn die Kinder nicht in der Tagesstruktur sind, in den Strassen, in der Dreirosenanlage, am Rhein, viele Kinder. Das ist alles in unmittelbarer Nähe. Das ist ihr Lebensraum.
Und die Situationen zuhause, sind die auch so divers?
Wenn man vom Schulhaus aus zum Rhein hinuntergeht, ist dies eine ganz andere Wohnsituation als oberhalb der Klybeckstrasse. Wir haben eben die Kinder, die vorne an der Rheinfront wohnen, und jene, die in Häusern wohnen, die einen derart niedrigen Ausbaustandard haben, dass es eigentlich gar kein Standard mehr ist. Dazu kommen Kinder, die noch keinen festen Wohnsitz haben, die im Durchgangsheim leben, die gerade erst hierhergekommen sind. Oft nur mit der Mutter, geflüchtet aus Kriegsgebieten, etwa aus der Ukraine.
Seit ich hier angekommen bin, sind das zwei Familien mit mehreren Kindern, die lange in tiefen Kriegsgebieten ausgeharrt und sich dann doch für die Flucht entschieden haben. Kinder in diesem Alter sind, wenn sie solche Dinge erlebt haben, schwer traumatisiert. Sie sind vielleicht acht, neun Jahre alt, waren aber nie in einer Schule, weil Krieg oder Bürgerkrieg das verunmöglicht hat. Natürlich können wir diesen Kindern nicht alles anbieten, was sie wirklich brauchen würden. Aber wir können ihnen einen gewissen Schutz geben. Und da kann es dann nicht mehr um den Betreuungsschlüssel gehen, was ja irgendwie auch ein Unwort ist. Ein Betreuungsdurchschnitt, der auf einem Papier steht, gerät hier naturgemäss ins Wanken. Das kann ich nach vier Monaten bereits sagen: Dieser Schlüssel ist keine Hilfe. Wir müssen unbedingt mehr Individuallösungen haben.
Was sind für Dich die wichtigsten Qualitäten, die eine Tagesstruktur haben muss?
Das wichtigste Element einer Tagesstruktur ist, dass sie ein sicherer Ort ist, an dem die Kinder sich wohl und wirklich aufgehoben fühlen. Sie darf kein Ort des Müssens sein, auch wenn familiäre Hintergründe die Tagesstruktur notwendig machen. Im Idealfall schaffen wir ein Umfeld, in dem Kinder gerne sind – vielleicht sogar noch öfter als angemeldet –, weil sie hier ihren Freundeskreis, ihre sozialen Kontakte haben.
Dazu kommt, dass wir keinen Bildungsauftrag haben. Wir haben einen Betreuungsauftrag und einen gewissen Erziehungsauftrag. Dieser kommt vor allem angesichts der erwähnten vielen kulturellen und sozialen Schichten zum Tragen. Wir müssen etwas finden, das wir gemeinsam haben. Wir brauchen Regeln, gewisse Höflichkeits- und Anstandswerte, die es für ein friedliches Miteinander braucht.
Und was sagst Du zur Infrastruktur?
Die ist sehr gut, gerade im Vergleich zu anderen Tagesstrukturen. Wir haben mehrere Räume, welche nur uns zur Verfügung stehen und weitere, welche wir mit der Schule teilen können. Und dazu haben wir hier schon ein tolles Umfeld, die Dreirosenanlage direkt vor dem Haus, die Freizeithalle Dreirosen von JuAr Basel in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir haben viele Möglichkeiten.
Euer Essen kommt ja auch von JuAr Basel, vom RiiBistro …
Jawohl. Wir haben keinen Riesen-Caterer, wir haben einen lokalen Caterer, mit dem wir immer gleich Kontakt aufnehmen und Themen besprechen können: Was essen die Kinder momentan gern? Wie sieht es mit der ernährungswissenschaftlichen Komponente aus? Es muss eben schmecken und gesund sein.
Auch das kann zum Thema werden: Kinder, die nicht essen wollen, die unter Stress stehen. Das ist eine Herausforderung, mit fast 80 Kindern für das Mittagessen einen ruhigen Raum und Moment zu schaffen.
Was sind Deine Pläne für die nächste Zukunft?
Wir müssen wieder ein Team werden, wir müssen bei der Arbeit noch näher zusammenrücken. Wir müssen uns immer fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Das Argument «Das haben wir schon immer so gemacht» zählt nicht. Das Gute muss bleiben, das Kritische überarbeitet werden. So möchte ich die Tagesstruktur optimieren, keinesfalls durch Personalabbau. Und das Team muss sich wohlfühlen. Nur dann fühlen sich auch die Kinder wohl.