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Beratung

Jugendberatung von JuAr Basel

Beratung für junge Menschen – niederschwellig, kostenlos und freiwillig.

Die Jugendberatung JuAr Basel bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen (12 – 25) des Kantons Basel-Stadt psychosoziale Beratung, Hilfe und Unterstützung für die Bewältigung von altersspezifischen Frage- und Problemstellungen.

Kontakt: Montag bis Freitag
Tel: +41 61 683 08 80/82
E-Mail: jugendberatung@juarbasel.ch
Web: www.jugendberatungbasel.ch

27.08.26

Newsletter
August 2026

Newsletter 08/2026

Prolog

Liebe Leserinnen und Leser
Liebe Freundinnen und Freunde von JuAr Basel
Liebe Alle

Wenn die Welt von gestern die Welt von heute trifft

Vor 50 Jahren, 1976, hat die Rockszene, in jugendkultureller Hinsicht damals einer der wichtigsten Einflüsse, und zwar global, ein ungewolltes Kind geboren, ein struppiges, stacheliges, urbanes, durch und durch, wie man damals in Basel noch sagte, «ungattiges»: Punk Rock. «No Future» stand auf der Flagge dieser Bewegung, die ein Schisma in der Rockszene auslöste, das für Jahre andauerte. Und plötzlich waren auch in Basel Punks auf der Strasse.

«I’ve been waiting for a guide to come and take me by the hand
Could these sensations make me feel the pleasures of a normal man?
Lose sensations, spare the insults, leave them for another day
I’ve got the spirit, lose the feeling
Take the shock away
It’s getting faster, moving faster now
It’s getting out of hand
On the tenth floor, down the back stairs
It’s a no man’s land
Lights are flashing, cars are crashing
Getting frequent now
I’ve got the spirit, lose the feeling
Let it out somehow»
«Disorder».
Joy Division. 1979.

Vorboten der 1980er Jugendunruhen

Dani und Christoph, Barbara und Irene waren plötzlich Punk Rocker. In jenem Moment, ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen, war das so etwas wie eine religiöse Bekehrung. Rüdes Benehmen, in Innenräumen auf den Boden spucken, Bierflaschen auf dem Trottoir zerschlagen, Pogo tanzen, das Leben sieht wie ein Kampf aus, Anarchie leben, eigene Musik machen, laut, mit drei bis fünf Akkorden und aufrührerischen oder provokativ surrealen Texten.

So sahen die sichtbaren Vorboten der Jugendunruhen der 1980er Jahre aus, die dann ganz Westeuropa erfassten. Von der Polizei (zu) oft kontrolliert, von älteren Rockern verprügelt, von der damaligen Jugendarbeit kaum verstanden.

Bankrotterklärung der westlichen Gesellschaft

Denn Punk formulierte eine fundamentale Kritik an den damals herrschenden Verhältnissen. Dies umfasste eben auch das mächtige Genre Rockmusik. Punk wollte nichts mehr verbessern. Für diesen Teil der Generation X und der späten Boomer war der Zug abgefahren: Keine Zukunft mehr, wir leben JETZT und feiern den Untergang, besingen die absolute Bankrotterklärung der westlichen Gesellschaft, zu der auch die Hippie- und Freak-Szene gehörten, ebenso all die Träume jener Neuen Linken, der unmittelbaren Vergangenheit.

Doch die Zeit wartet auf niemanden. Als wir vor 20 Jahren unsere Angebote im Kopf der Dreirosenbrücke eröffneten, war die Punkbewegung längst Vergangenheit, ein alter Hut, einfach ein weiterer Teil – und das ist die Ironie – der Rockgeschichte, vermarktet, eingezont, Genre geworden.

Und unser Dreirosen feiert im September tatsächlich schon sein 20-jähriges Jubiläum. Zwanzig Jahre. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Jugendtreff, der selber längst erwachsen geworden ist und jeden Tag mit einer neuen Generation zu tun hat, die ihre eigenen Codes, ihre eigenen Abgründe, ihre eigenen grossartigen Ideen mitbringt.

Science-Fiction-Territorium

Unser «Dreirosen» wurde also, bitte erlauben Sie mir den surrealen Schlenker, in der Nicht-Zukunft geboren. In einer Zeit, in der HipHop seit Jahren die prägendste Form eines grossen Teils einer nun postmodern ausdifferenzierten Landschaft der Jugendkulturen war. Es war 2006 bereits eine stark professionalisierte Offene Jugendarbeit, die sich mit immer neuen, zunehmend komplexen Trends, Stilen und Lebensformen auf der Jugendszene auseinandersetzte.

Internet und Handys waren schon da, es manifestierten sich auch bereits Warnungen vor dem digitalen Universum und dessen Auswirkungen auf die Jungen.

Aber mein oder Dein neues Smartphone, dessen 24/7-Zugang zur gesamten digitalen Welt in der Hosentasche, jederzeit internationale Bildgespräche möglich – das war auch vor 20 Jahren noch Science-Fiction-Territorium. Die meisten Leute hätten nicht gedacht, dass zehn Jahre später fast alle über so ein Ding verfügen würden und welch einschneidende Konsequenzen sich daraus ergeben.

Und da sind wir jetzt

Vor 50 Jahren war Jugendkultur laut und sichtbar. Man erkannte Punk auf fünfzig Meter Entfernung. Haare, Nieten, Lederjacken, Sicherheitsnadeln, eine ziemlich eindeutige Ansage. Diese Jugendkultur spielte sich auf der Strasse ab, auf Plätzen, in Kellern, Clubs und besetzten Häusern. Die etablierten Jugendhäuser waren für viele Punks keine Heimat. Man rieb sich aneinander, provozierte, stritt, prügelte sich manchmal auch. Die Konflikte waren sichtbar und fanden im realen Raum statt.

Heute spielt sich ein grosser Teil jugendlicher Lebenswelten in Räumen ab, die Erwachsene kaum sehen. Auf dem Bildschirm, im Kopfhörer, im Chat, in digitalen Gemeinschaften, die keine Quartiergrenzen und keine Landesgrenzen kennen. Das ist faszinierend. Und manchmal ziemlich unheimlich.

Die alten Fragen sind dabei keineswegs verschwunden. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Wer nimmt mich ernst? Was darf ich sein? Was soll ich sein? Was mache ich mit meiner Wut, meiner Angst, meiner Einsamkeit? Und genau da trifft die Welt von gestern die Welt von heute.

Die Wahrheit kennen

Offene Jugendarbeit muss verstehen, was junge Menschen beschäftigt. Heute gehört dieser Gedanke zum professionellen Selbstverständnis. In den 1970er und frühen 1980er Jahren war das noch anders. Damals glaubte Offene Jugendarbeit oft, die Wahrheit bereits zu kennen. Sie wusste, was fortschrittlich war, was rückständig, was emanzipatorisch, was reaktionär, wohin sich junge Menschen entwickeln sollten.

Wer quer in der Landschaft stand, passte schlecht ins pädagogische Raster. Das bekamen Dani und Christoph, Barbara und Irene und all die anderen zu spüren. Punk war dreckig, aggressiv, nihilistisch, politisch schwer einzuordnen und entzog sich mit grosser Lust den pädagogischen Kategorien. Auch die Jugendunruhen der frühen 1980er Jahre waren für viele Institutionen erst einmal ein Schock. Die Jungen redeten plötzlich selber. Laut. Und sie sagten Dinge, die niemand bestellt hatte.

Heute versteht sich professionelle Offene Jugendarbeit anders. Sie ist zu einem Sensor geworden. Sie hört hin, schaut genau hin, registriert Veränderungen, manchmal lange bevor diese in Studien, politischen Papieren und Zeitungsartikeln auftauchen. Unsere Mitarbeitenden erleben jeden Tag, was Jugendliche beschäftigt, welche Sprache sie verwenden, worüber sie lachen, worüber sie streiten, was ihnen Angst macht und wohin sich die Dinge bewegen. Das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Die Welt in der Hosentasche

Und dieser Sensor muss heute weit in digitale Räume hineinreichen. Denn dort findet inzwischen ein beträchtlicher Teil des Jungseins statt. Das Digitale ist Lebenswelt. Punkt. Dort entstehen Freundschaften und Liebesgeschichten, dort wird gespielt, gelernt und gestritten, dort werden Weltbilder gebaut und wieder zerlegt.

Dort entstehen Moden in einem Tempo, bei dem Erwachsene kaum mehr hinterherkommen. Dort verbreiten sich auch Ideologien, Verschwörungswelten, Menschenverachtung, bizarre Vorstellungen von Erfolg, Körper, Sexualität, Frauen und Männern.

Ein 15-Jähriger kann heute allein in seinem Zimmer in wenigen Stunden tief in eine geschlossene Gedankenwelt geraten. Der Algorithmus kennt keinen Feierabend und kaum einen Zweifel. Was Aufmerksamkeit bindet, wird nachgeliefert.

Das verändert auch die Aufgabe der Offenen Jugendarbeit. Wir müssen wissen, was da läuft. Wir müssen die Codes kennen, die Themen verstehen und mit den Jugendlichen darüber reden können. Mit Neugier, Professionalität und einem verdammt guten Sensorium dafür, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Der Dialog

Vielleicht liegt genau hier eine der grossen Aufgaben für die nächsten Jahre. Junge Menschen waren immer auf der Suche nach sich selbst, nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Liebe, Reibung, einem Platz in dieser Welt. Heute kann diese Suche rund um die Uhr stattfinden, begleitet von einem Strom aus Bildern, Stimmen und Behauptungen, der niemals schweigt.

Da braucht es ein menschliches Gegenüber.

Unsere Geschäftsleiterin Louise Jordi sagt im Gespräch in diesem Newsletter einen Satz, der für mich ziemlich genau trifft, worum es geht: «Wir müssen der digitalen Vereinsamung den Dialog entgegensetzen.» Das ist im Grunde uralte Offene Jugendarbeit und zugleich eine hochaktuelle Aufgabe. Wenn die Welt von gestern die Welt von heute trifft, sehen wir, wie radikal sich die Kulissen verändert haben. Die grossen Fragen des Jungseins sind erstaunlich hartnäckig geblieben. Und irgendwo dazwischen stehen wir. Mit offenen Türen und ziemlich guten Sensoren.

Herzlich
One Love
Christian Platz
Präsident JuAr Basel

JuAr Basel Insights

Jugendberatung chronisch unterfinanziert:

Bitte lasst die jungen Menschen nicht im Stich!

Jetzt geht es um die Zukunft unserer überlasteten Jugendberatung. Wir haben in diesem Bereich nur 150 Stellenprozente. Wegen des grossen Andrangs und immer komplexer werdender Fälle müssen wir seit vielen Jahren eine Warteliste führen. 2025 haben deshalb 82 junge Menschen trotz Anmeldung keine Beratung wahrgenommen. Dabei kann frühe professionelle Hilfe verhindern, dass Probleme sich verhärten und später für die Allgemeinheit hohe Folgekosten verursachen. Dazu kommt unsere äusserst bescheidene Raumsituation im Basler Waisenhaus. Das Erziehungsdepartement sieht den Bedarf zum Glück ebenfalls deutlich. Nur werden uns nicht die ausreichenden Mittel für die nächsten 4 Jahre zugesprochen, um die Niederschwelligkeit des Kernangebotes wieder herzustellen und die Warteliste deutlich abzubauen. Die Rechnung ist einfach: die Stellenprozente müssen aufgestockt werden, um dem Bedarf nachzukommen. Doch wenn wir mehr Leute beschäftigen, brauchen wir grössere Räume, und auch die Personalkosten sind gestiegen. Von der zugesagten, kantonalen Erhöhung bleibt deshalb viel zu wenig für zusätzliche Beratung. Nach jahrelangen Kämpfen um Mittel müssen wir konstatieren: Dieses Angebot ist chronisch unterfinanziert.

Bild: Christoph Walter, Leiter der Jugendberatung im Gespräch mit Radio Basilisk

Die Tiefe der Problematik

Vor kurzem konnte Christoph Walter, seit vielen Jahren Leiter unserer Jugendberatung, die Problemstellung auf Radio Basilisk, schildern. Dabei konnte er sich pointiert zur Problematik mit der Warteliste äussern. Doch für eine Schilderung der gesamten Dimension der Herausforderungen unserer JuBe Basel reicht ein Radiobeitrag eben nicht. Deshalb gehen wir hier nun in die Tiefe. Die Jugendberatung von JuAr Basel ist das einzige professionelle Beratungsangebot dieser Art in Basel-Stadt.

Sie ist offen für junge Menschen zwischen 12 und 25 Jahren, kostenlos, freiwillig und zuständig für das ganze Spektrum psychosozialer Probleme. Das klingt zunächst vielleicht überschaubar. Ist es jedoch in keinster Weise. 2023 betreuten unsere drei engagierten und hochkompetenten Fachpersonen 394 Fälle. 2024 waren es 476, im vergangenen Jahr 477. Gleichzeitig stieg der Aufwand erheblich. Die Supportstunden nahmen innerhalb von zwei Jahren von 2’103 auf 2’760 zu, die Beratungseinheiten von 1’044 auf 1’423. Denn ein Problem kommt selten allein.

Der Boden unter den Füssen wird dünn

Da sind möglicherweise Schulden, dahinter steckt vielleicht eine abgebrochene Lehre. Da ist Arbeitslosigkeit, gleichzeitig gibt es Probleme zuhause. Und wer aus dem Schul- und Ausbildungsfeld verschwindet, kann auch das Angebot der Berufsintegration, GAP Casemanagements des Kantons nicht mehr in Anspruch nehmen. Psychische Belastungen kommen dazu, manchmal Sucht, manchmal Wohnungsnot. Briefe, Rechnungen bleiben liegen, Fristen verstreichen, Ämter werden zu Gegnern, der Boden unter den Füssen wird dünn. Rund ein Drittel unserer Ratsuchenden kommt heute mit solchen Mehrfachproblematiken. Die einzelnen Probleme greifen ineinander, verstärken sich gegenseitig und brauchen Zeit.

Mehr Personal ist deshalb nicht einfach mit mehr Beratung gleichzusetzen. Es bedeutet auch, dass schwierige Fälle überhaupt fachlich angemessen begleitet werden können. Und dafür stehen gerade mal 150 Stellenprozente zur Verfügung. Die Folge ist eine Warteliste von vier bis sechs Wochen, Tendenz steigend.

82 junge Ratsuchende weggebrochen

2025 brachen uns wegen der Warteliste 82 junge Ratsuchende weg. Sie erschienen nicht zum Ersttermin, häufig auch beim zweiten oder dritten Versuch nicht, da die Wartezeit für unsere jungen Ratsuchenden deutlich zu lang ist. Wir wissen nicht, was danach mit ihnen geschah. 82 junge Menschen, die aus eigener Motivation Hilfe gesucht hatten, waren plötzlich weg! Das ist bei einer niederschwelligen Jugendberatung keine Nebensache. Es trifft ihren Kern. Dabei stehen wir mit unserer Einschätzung keineswegs allein da. Die Fachstellen, die täglich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun haben, kennen das Problem. Die Rückmeldungen von KESB, Sozialhilfe, Schulsozialarbeit und weiteren Partnern sind eindeutig: Die Jugendberatung wird gebraucht, ihre Arbeit entlastet andere Stellen und die frühe Unterstützung kann verhindern, dass aus lösbaren Schwierigkeiten schwere Verläufe werden. Die Fachwelt steht hinter diesem Angebot.

Die Interpellation Bollinger

Grossrat Oliver Bolliger hat dem Regierungsrat sehr gute Fragen zur Situation der niederschwelligen Beratung junger Menschen gestellt. In seiner Antwort untermauert der Regierungsrat die Notwendigkeit des einzigen, themenoffenen, niederschwelligen Beratungsangebotes für junge Menschen in Basel und stellt dessen Bedeutung klar. Dem bedarfsorientierte Beratungsangebot der Jugendberatung wird ausdrücklich die Expertise für jugendspezifische Finanzberatung, inklusive Budget- und Schuldenberatung, zugesprochen. Damit bestätigt der Regierungsrat unsere Sicht, dass das Angebot bedarfs- und zielgruppengerecht sein muss.

Im Waisenhaus können wir nicht mehr wachsen

Auch sonst zeigt diese Antwort, wie zentral unsere Stelle inzwischen geworden ist. Die Sozialhilfe verweist junge Erwachsene an uns. Die KESB triagiert an uns. Gleichzeitig hält der Regierungsrat fest, Jugendliche in einer Krise müssten schnell Unterstützung erhalten können. Und genau hier beginnt das Problem. Die für die nächsten vier Jahre in Aussicht gestellten Gelder reichen nicht aus, um das Kernangebot der Niederschwelligkeit sicherzustellen. Im Waisenhaus können wir personell nicht wachsen. Es fehlt schlicht der Platz. Wenn zusätzliche Stellen geschaffen werden sollen, muss die Jugendberatung in grössere Räume umziehen.

Dazu kommen gestiegene Personalaufwendungen. Nach heutiger Berechnung reicht die vorgesehene Erhöhung deshalb gerade einmal für ungefähr 40 zusätzliche Stellenprozente. Das ist zu wenig. Um die Warteliste abzubauen und dem steigenden Beratungsbedarf annähernd gerecht zu werden, benötigt es nach unserer Berechnung zusätzliche 150 Stellenprozente.

Eine erhebliche Finanzierungslücke

Dabei haben wir unser ursprüngliches Finanzhilfegesuch bereits deutlich reduziert. Auf den beantragten Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit und Prävention würden wir verzichten, obwohl wir diesen weiterhin für notwendig halten. Gerade die Vernetzung mit anderen Fachstellen und die frühe Information junger Menschen gehören zu einer Jugendberatung, die nicht erst reagieren will, wenn Probleme bereits weit fortgeschritten sind.

Trotz dieses Verzichts bleibt eine erhebliche Finanzierungslücke. Und darüber muss jetzt gesprochen werden. Seit Jahren wird die Jugendberatung mit einem Auftrag ausgestattet, der stetig gewachsen ist, während ihre Grundfinanzierung kaum mitgewachsen ist. Die Fälle nehmen zu, die Probleme werden komplexer, der zeitliche Aufwand steigt, komplexe Fälle brauchen auch mehr Büroarbeit, Recherchen, wenn sie seriös behandelt werden.

Der Ball liegt nun beim Grossen Rat

Der Regierungsrat bestätigt diese Entwicklung inzwischen selbst. Er bestätigt auch, dass Finanz- und Schuldenprobleme zu unserem Auftrag gehören. Und sämtliche Fachstellen, die mit diesen jungen Menschen arbeiten, wissen, welche Bedeutung unsere Jugendberatung hat. Im Herbst muss der Grosse Rat darüber befinden. Dann geht es nicht mehr um die Frage, ob es diese stetig wachsende Problemflut existiert. Es geht darum, was Basel-Stadt bereit ist, dagegen zu tun.

Aus unserer Sicht braucht die Jugendberatung ungefähr eine Verdopplung der heutigen Staatsbeiträge. Nur so kann sie ihren Auftrag auf Dauer erfüllen und wieder das sein, was sie sein soll: tatsächlich niederschwellig. Keine lange Wartezeit, kein Fall soll verloren gehen!

Mehr zur Jugendberatung

JuAr Basel Insights

JuAr Basel im Kopf der Dreirosenbrücke feiert den Zwanzigsten

Freizeithalle, RiiBistro und das Jugendzentrum im Kopf der Dreirosenbrücke wurden im Herbst 2006 aus der Taufe gehoben, als die JuAr Basel noch Basler Freizeitaktion (BFA) hiess. Es war die erste grosse Tat eines komplett neuen Vorstands, der nach einer schweren Krise angetreten war. Die Christoph Merian Stiftung hatte das Projekt angestossen und finanziert, die BFA hatte das Konzept gemacht. Eine Woche vor dem Eröffnungsfest, die Einladungen waren längst verschickt, verbot uns das Basler Erziehungsdepartement, die Freizeithalle und das RiiBistro als BFA zu führen, weil dies zu riskant sei. Freizeithalle und Riibistro arbeiteten von Anfang an mit Jugendlichen aus einem Arbeitseinsatzprogramm, so ist es noch heute.

Bild: Drei Teams unter einem Dach – v.ln.r: Alison Vuille-dit-Bille, Marc Moresi, Elisandro Moresi, Roger Widmer, Mara Hagen, Nives Müller

Miniverein ohne Vermögen

Also musste flugs ein Miniverein ohne Vermögen gegründet werden. In dessen Vorstand sassen Albrecht Schönbucher, heute pensionierter Geschäftsführer der BFA/JuAr Basel, Alain Baumann, heute pensionierter Finanzchef der BFA/JuAr Basel und ich selber, Christian Platz, heute Präsident von JuAr Basel. Erst sechs Jahre später durfte JuAr Basel die beiden Angebote übernehmen. Der Arbeit im Brückenkopf war von Anfang an ein Riesenerfolg beschieden. Bald standen die Räumlichkeiten an der Grenze zur Überlastung. Gleichzeitig entwickelte sich die Anlage vor der Brücke zu einer Problemzone mit Drogendeals, Gewalt und aufdringlicher Anmache von Frauen und Mädchen. Das verlangte dem Team einen beinahe unerträglichen und emotional enorm belastenden Dauereinsatz ab.

Enorm beliebt, rege besucht

Trotzdem waren die drei Angebote im Brückenkopf von Anfang an, enorm beliebt und wurden rege besucht, daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Räume, die wir zu günstigen Preisen vermieten, waren ständig ausgebucht. Heute ist das Dreirosen aus dem Kleinbasel nicht mehr wegzudenken. Marc Moresi, von Anfang an Leiter der Freizeithalle und heute Mitglied der dreiköpfigen Geschäftsleitung von JuAr Basel, hat sich über all die Jahre mit ausserordentlichem Einsatz für diese Angebote starkgemacht, unermüdlich, mit Herz und Hand. Am 18. September steigt nun das Jubiläumsfest zum zwanzigsten Geburtstag des Dreyroose. In diesem Beitrag sprechen acht Leute, die auf unterschiedlichen Ebenen im Brückenkopf arbeiten, über ihre Beziehung zum vielfältigen Dreirosen-Universum von JuAr Basel.

Marc Moresi
Co-Leitung Freizeithalle Dreirosen, Co-Geschäftsleiter JuAr Basel

«Es ist nicht einfach, zwanzig Jahre Dreirosen in ein paar Worten auf den Punkt zu bringen. Ich arbeite seit der Gründung hier, und das Dreirosen umfasst eine unglaubliche Menge von Themen, Geschichten, Freuden und Problemen. Der zentrale Punkt für mich ist die Tatsache, dass sich hier so viele unterschiedliche Menschen begegnen. Ich kenne in Basel und der weiteren Umgebung keinen Ort, an dem das in dieser Intensität, in dieser Art tagtäglich geschieht. Die Vielfalt der Menschen, mit denen wir es hier zu tun haben, in jeder Hinsicht, Alter, Herkunft, Sozialisierung, Einkommen, Wertvorstellungen, ist schlicht einmalig. Und diese unterschiedlichen Menschen leben hier auch nicht einfach aneinander vorbei. Dieser Ort ist ein so starker Anziehungspunkt, dass ein Zusammenleben die einzige Möglichkeit ist. Und das ist grundsätzlich eine sehr positive Sache. Natürlich gab und gibt es an einem solchen Ort auch Reibungen und Probleme, die auch in den Medien zum Thema wurden. Natürlich mussten wir uns mit allen möglichen Organisationen, Ämtern und Interessengruppen vernetzen, um diese Probleme zu bewältigen. Denn wir wollen diese Vielfalt erhalten. Die Begegnungen, die hier möglich werden, sind und bleiben für mich das Zentrum, der Kern der ganzen Sache.»

Alison Vuille-dit-Bille
Co-Leitung Freizeithalle Dreirosen

«Mir bedeutet das Dreirosen sehr viel. Ich war als Jugendliche aus dem Quartier oft hier, heute arbeite ich in der Freizeithalle. Für mich ist der Brückenkopf ein zweites Zuhause, ein Riesensprungbrett für Ausbildung und Arbeit. Ich habe hier meine Praktikumszeit verbracht, einen Teil meiner Ausbildung gemacht, heute arbeite ich als Co-Leiterin der Freizeithalle. Während dieser ganzen Zeit habe ich hier so viele gute Leute kennengelernt, denen ich heute noch verbunden bin. Die Diversität im Team und unter den Nutzenden der Angebote ist ausserordentlich breit. Wer hier arbeitet, bekommt es mit allen Bereichen der Sozialen Arbeit zu tun, mit allen Altersgruppen, Kindern, Jugendlichen, Senioren. Hier tauchen praktisch alle Themen, mit denen ich mich in meinen Ausbildungsjahren befasst habe, täglich auf: Drogen, Armut, soziale Ausgrenzung, Schwierigkeiten mit dem Einstieg in die Berufswelt und so weiter. Draussen und drinnen. Für die dicht besiedelten Quartiere, die uns umgeben und deren Anwohnerschaft eben kulturell und sozio-demografisch äusserst gemischt ist, stellt das Dreirosen einen Riesenfreiraum dar. Alles ist gratis oder günstig, man kann hier für wenig Geld Räume mieten, Feste feiern, Freizeitvergnügen geniessen. Hinz und Kunz profitieren vom Dreirosen. Es ist einfach unverzichtbar.»

Mara Hagen
Köchin und Leitung RiiBistro Dreirosen

«Ich bin seit viereinhalb Jahren hier, manchmal kommt es mir viel länger vor. Ich habe diesen Ort liebgewonnen. Wir vom RiiBistro sind stets darum bemüht, den Menschen hier Freude zu bereiten. Deshalb bin ich ja Köchin geworden, das war ab meinem fünften Lebensjahr mein Berufswunsch. Ich will, dass die Leute hier ein positives Erlebnis haben. Ich stamme aus Holland, ich bin nicht hier aufgewachsen, ich habe in meiner Jugend kein Jugi besucht. Es ist sehr spannend hier: Religionen, Kulturen, soziale Hintergründe, hier ist alles gemischt, bei den Gästen und bei unserem Bistroteam. Das ist hochspannend, obwohl es manchmal sprachliche Herausforderungen mit sich bringt. Eine meiner Hauptaufgaben ist, die Mittagessen für die Tagesstruktur Dreirosen zu kochen. Auch das ist eine sehr interessante Aufgabe: Die Kinder müssen es mögen, gleichzeitig muss es gesund sein. Zudem ist das Beschäftigungsprogramm für junge Menschen bei uns ein wichtiger Faktor. Da bin ich sehr motiviert. Ich möchte diesen jungen Menschen etwas geben, das sie im Leben brauchen können. Ich möchte ihnen eine Chance bieten und hoffe immer, dass sie es packen, dass sie es schaffen. Natürlich ist das manchmal ein Spagat zwischen der Gastroarbeit und der agogischen Arbeit. Wenn sie es schaffen, ist das für mich eine wunderbare Genugtuung.»

Nives Müller
Co-Leitung Jugendzentrum Dreirosen

«Ich arbeite nun seit sechs Jahren in diesem Jugendzentrum und verbringe einen Grossteil meines Alltags hier, an einem Ort, der mir sehr viel bedeutet. Dieser Ort hat für viele Menschen viele Bedeutungen: Sie finden hier Begegnungen, soziale Kontakte jeglicher Form, Unterstützung, Spiel und Spass. Für das Quartier – ich bin übrigens selbst hier aufgewachsen – ist das Dreirosen sehr wichtig, sehr zentral. Ganz unterschiedliche junge Menschen kommen hier zusammen. Hier begegnen sich verschiedene soziale Schichten, Altersgruppen und Lebenswelten, Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Überzeugungen, die voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten. Arbeiterkinder treffen auf Jugendliche aus Migrationsfamilien, alternative Lebensformen auf eher konservative. Das finde ich fast prägender als die verschiedenen Nationalitäten. Die ganze Dreirosenanlage und unsere Angebote bieten Entlastung in einem dicht besiedelten Umfeld. Gewiss entlasten das Jugendzentrum und die Freizeithalle viele Eltern, die den ganzen Tag arbeiten müssen, weil sie wissen, dass ihre Kinder hier sicher sind und auf sie geschaut wird, von Leuten, die Gutes im Sinn haben. Diese Eltern bringen uns ein grosses Vertrauen entgegen. Die Offene Jugendarbeit hat hier sehr viele Aspekte. Das Menschliche ist in unserem Job die wichtigste Dimension. Wir leben Begegnung auf Augenhöhe, mit Wohlwollen und gegenseitigem Respekt.»

Riley Ngadze
Zivildienstleistender Jugendzentrum Dreirosen

«In diesem Treff können Jugendliche sein, wie sie sind – uneingeschränkt, abgesehen von den Hausregeln. Die Erwachsenen, die hier arbeiten, sind verlässlich und vertrauenswürdig. Es ist gut, wenn Jugendliche nebst den Eltern noch andere Bezugspersonen haben. Als ich ein Teenager war, wollte ich mit meinen Eltern auch nicht über alles reden, was mir durch den Kopf ging oder mich beschäftigt hat. Hier können Jugendliche mit den Leuten vom Team vertrauensvoll über alles reden. Gleichzeitig ist das ein Ort, an dem sie connecten können, Anschluss finden. Das ist ein richtig cooler Ort. Es ist auch anders, mit Jugendarbeitenden zu reden als mit Lehrern. Bei Lehrern fühlt man sich immer ein bisschen bewertet und beobachtet. Hier ist das anders, man kann viel freier reden. Früher dachte ich immer, Jugendarbeitende hätten es gut, weil sie den ganzen Tag spielen und mit Jugendlichen reden können. Als ich dann mit dem Zivildienst hier angefangen habe, sah ich, dass das halt schon richtig harte Arbeit ist. Vor und hinter den Kulissen.»

Flamur Ferizi
Koch Riibistro Dreirosen

«Ich bin nun seit drei Monaten im RiiBistro. Was mir total gefällt, ist, dass wir hier alles selber machen. Wir machen die Fonds selber, die Saucen auch. Ich habe in der Vergangenheit leider schon ganz andere Küchen erlebt. Das ist hier pure Liebe zum Handwerk, so muss das sein, das finde ich schön. Qualität kommt vor Quantität. Wir kochen hier ja täglich viel für Kinder, das ist eine eigene Herausforderung. Wir möchten natürlich, dass es ihnen schmeckt, gleichzeitig muss das Essen ausgewogen sein. Mit hochgestochenen Rezepten kann man Kinder nicht blenden. Entweder schmeckt es ihnen – oder halt nicht. Wenn der Essenswagen aus der Tagesstruktur zurückkommt und fast alles leergegessen ist, erlebe ich das als Erfolg. Und mich fasziniert dieser Ort, dieses Zentrum, in dem so viele Menschen zusammenkommen, jung und alt.»

Elisandro Moresi
Team Freizeithalle Dreirosen

«Das Dreirosen bringt Leute zusammen, unzählige Menschen haben sich hier kennengelernt. Ich kenne die Freizeithalle seit 20 Jahren, ich war der erste Kunde (lacht), schliesslich arbeitet mein Vater hier. Im Laufe der Jahre habe ich hier immer öfter geholfen, meinen ersten Zukunftstag habe ich ebenfalls hier verbracht. Ich war damals auch ein bisschen stolz, weil ich über alles schon ziemlich gut Bescheid wusste. Später habe ich eine FaBe-Ausbildung gemacht, dort viel Neues kennengelernt – und trotzdem bin ich ins Dreirosen zurückgekommen. Nun bin ich hier Teammitglied und erlebe das Angebot wieder aus einem ganz neuen Blickwinkel. Ich bin inzwischen stark in die Raummietungen involviert, und es ist einfach unglaublich, wie stark diese Räume ausgelastet sind, Tag für Tag, Wochenende für Wochenende. Hier werden günstig Räume für unendlich viele Anlässe gemietet, für Partys, religiöse Feste und vieles mehr. Dadurch habe ich Menschen und Lebenswelten kennengelernt, mit denen ich sonst vielleicht kaum in Berührung gekommen wäre. Und weil es hier so viele Latino-Gruppen gibt, kommt es mir zugute, dass ich mit Spanisch und Deutsch aufgewachsen bin. Für das Quartier haben die Anlage und die JuAr Basel eine enorme Bedeutung. Dazu gehört auch der Basketball-Club BC Bären, dem ich angehöre und der hier zu Hause ist. Basketball zieht unglaublich viele Leute an. Neulich kam ein japanischer Tourist vorbei und fragte mich, ob er hier tatsächlich Basketball spielen könne. Ich sagte: Ja, klar. Ein bisschen später war er wieder da, in Sportkleidung und spielbereit.»

Roger Widmer
Jugendzentrum Dreirosen seit Gründung, heute Freizeithalle Dreirosen

«Vor der Eröffnung des Dreirosen war ich viele Jahre im alten Jugendzentrum Barracuda der BFA tätig, und ich weiss noch gut, wie wir gegen Schluss dem Umzug entgegenfieberten. Der Neubau unter der Brücke blieb lange etwas vage, es dauerte, bis sich alles konkretisierte. Wir konnten Wünsche anbringen, die teilweise auch berücksichtigt wurden. Für uns war das ein himmelweiter Unterschied zum Barracuda, wo wir mit der Raumsituation leben mussten, die wir in diesem alten Mietshaus vorgefunden hatten. Im Dreirosen hatten wir plötzlich grosszügige Räume, mit denen man wirklich etwas anfangen konnte. Auch beim Lärmschutz hatten wir ganz andere Möglichkeiten als vorher mitten im Wohnquartier. Wir hatten von Anfang an volles Haus, die Jugendlichen haben uns regelrecht überrannt. Unser damaliges Team, geleitet von Waltraud «Waldi» Waibel, war entsprechend stark gefordert. Gleichzeitig merkte man sehr schnell, was dieser neue Ort für die Offene Jugendarbeit möglich machte. Das Dreirosen konnte unglaublich viel aufnehmen und auffangen. Und was mich bis heute erstaunt: Der Bau wird seit zwanzig Jahren intensiv genutzt und hat erstaunlich wenig unter Vandalismus gelitten.»

Mehr zum Freizeitzentrum und Jugi Dreirosen

JuAr Basel-Talk

MOMENT_AUFNAHME

«Wir müssen der digitalen Vereinsamung den Dialog entgegensetzen»

Ein Gespräch mit Louise Jordi, Mitglied der dreiköpfigen Geschäftsleitung von JuAr Basel, über Mittel und Mängel. Der Anlass sind die Verhandlungen mit dem Erziehungsdepartement. Dieses Jahr verhandeln wir über den Betrag, mit dem unsere Jugendberatung die nächsten vier Jahre lang leben muss, nächstes Jahr geht es um den ganzen Rest. Auch um die digitale Jugendarbeit, die wir dank eines Stiftungsbeitrags aufbauen konnten. Für unsere 3GL sind das die ersten Verhandlungen dieser Art.

Bild: Co-Geschäftsleiterin Louise Jordi

Liebe Louise, bei den Verhandlungen über die Staatsbeiträge reden wir im Moment vor allem über unsere Jugendberatung und über unsere beiden Mädona-Mädchentreffs. Beide sind deutlich unterfinanziert. Beginnen wir also mit der Jugendberatung: Kannst Du die Situation kurz umreissen?

Louise Jordi: Bezüglich der Jugendberatung sind wir in einem guten Austausch mit dem Erziehungsdepartement. Unsere Probleme werden gesehen und gewürdigt. Allerdings ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem wir aufgrund der Anforderungen deutlich wachsen müssen. Leider können wir das trotz der vorgesehenen Erhöhung der Staatsbeiträge nicht. Denn wir haben ein strukturelles Problem. Unsere Räumlichkeiten im Waisenhaus sind zu klein und können nicht erweitert werden. Wenn wir mehr Personal anstellen, müssen wir ausziehen. Nun ist es so, dass wir bisher einen sehr günstigen Mietzins hatten, dafür sind wir dankbar und davon profitiert natürlich auch das Erziehungsdepartement. Wenn wir ausziehen, müssen wir mit marktüblichen Preisen rechnen. Davon müssen wir nicht nur unsere Fachstelle im Erziehungsdepartement überzeugen sondern auch die anderen zuständigen Stellen. Aber ich bin in dieser Sache sehr zuversichtlich, weil sich die Verhandlungen zurzeit sehr partnerschaftlich und offen gestalten.

Wir brauchen also mehr Räume, weil wir mehr Beratende anstellen müssen, wenn wir die unerträgliche Warteliste für junge Menschen, die ernsthafte Probleme haben, abschaffen wollen …

So ist es. Wir verfügen momentan über 150 Stellenprozente für die Jugendberatung. Wir brauchen das Doppelte, weil wir die Situation mit der Warteliste beenden müssen. Es kann doch nicht sein, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit gravierenden Problemen bis zu sechs Wochen auf einen Beratungstermin warten müssen, da sind sich eigentlich alle Beteiligten einig. Doch mit den vorhandenen Stellenprozenten ist dies schlicht nicht zu bewältigen. Mit der Erhöhung, die nun im Raum steht, könnten wir höchstens 40 zusätzliche Stellenprozente aufbauen, weil wir eben auch neue Räume brauchen. Und das wäre bloss ein Tropfen auf den heissen Stein. Damit haben wir die Warteliste noch nicht eingedämmt.

Das zweite grosse Thema sind die beiden Mädchentreffs unserer Marke Mädona im Kleinbasel und im Gundeli, zu letzterem gehört auch das Mädchen-Café Lady Biscuit. Obwohl JuAr Basel seit über 25 Jahren hochprofessionelle geschlechterspezifische Mädchenarbeit macht, dies mit grossem Erfolg, waren diese Angebote nie solide finanziert. Wir haben uns von Stiftungsbeitrag zu Stiftungsbeitrag gehangelt. Für das engagierte Mädona-Team bleibt diese Unsicherheit im Alltag immer spürbar. Und viele Fachleute, denen ich das erzähle, wundern sich darüber.

Das ist leider richtig. Im Kleinbasel haben wir bloss eine Teilfinanzierung, obwohl wir dort seit einem Vierteljahrhundert präsent sind. Im Gundeli, wo wir nächstes Jahr ein zehnjähriges Jubiläum feiern, haben wir überhaupt keine kantonalen Beiträge. Die Mädchenarbeit ist also nicht einfach ein Projekt, wie sie vom Erziehungsdepartement in den letzten Jahren oft dargestellt wurde, sondern ein etabliertes Angebot mit einem hochprofessionellen Team, das für viele Mädchen und junge Frauen ein zweites Zuhause geworden ist. Man weiss heute, genauso wie man es vor 25 Jahren wusste, dass es diese Mädchenarbeit braucht. Und wenn wir die Entwicklung in den letzten Jahren anschauen sowie die Resultate der Jugendbefragung, die im Sommer herausgekommen sind, wird dies nochmals deutlich bestätigt. Wir müssen die Mädchen in unserer Gesellschaft stärker unterstützen.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass Mädchenthemen in gemischten Jugendzentren – wohl landesweit – untergehen, wenn laute und dominante Jungs-Gruppen präsent sind.

Das kann man sagen, obwohl Mädchen ja auch gerne in gemischte Treffs gehen. Doch sie brauchen zusätzlich gute Räume. Denn Mädchen und junge Frauen haben Themen, die sie stark beschäftigen, über die sie nicht sprechen können, wenn Jungs dabei sind. Und es ist sehr schwierig, dies in einem gemischten Treff umzusetzen, auch wenn wir in unseren Jugis durchaus Zeiten und Anlässe nur für Mädchen haben. Schon nur infrastrukturell. Denn die Beziehungsarbeit findet dort auf einer anderen Ebene statt als in einem geschützten reinen Mädchentreff. Das wissen wir – und das weiss auch das Erziehungsdepartement. Die Mädchen wollen auch laut sein und aus sich herauskommen dürfen, aber sie möchten dabei unter sich sein. Sonst funktioniert das nicht. Und dies muss endlich anerkannt werden, auch wenn es um Staatsbeiträge geht.

Seit Jahren werde ich von kritischen Stimmen, wenn es um mädchenspezifische Offene Jugendarbeit geht, immer wieder das Gleiche gefragt: Aber was macht ihr eigentlich für Jungs? Früher hatte ich darauf immer die gleiche Antwort parat, ich sagte: Die meisten Jugendtreffs machen vor allem Jungs-Arbeit. Heute sieht das ein bisschen komplexer aus, angesichts der Entwicklung der digitalen Medien. Die vielzitierte Manosphere, extreme Machoinfluencer, Pornografie, frauenfeindliche Haltungen sind stark im Kommen und finden bei einigen Jungs enormen Anklang. Hier macht sich eine neue Ideologie breit, die sehr konservative Rollenbilder beschwört: harter Mann, submissive Frau, unerbittliche Homophobie. Rollenbilder, von denen wir gedacht haben, dass sie endgültig der Vergangenheit angehören. Was kann die Offene Jugendarbeit in diesem Bereich tun?

Tatsächlich ist Jungs- und Männerarbeit ein grosses Thema, sie findet bei JuAr Basel ja auch tagtäglich statt. Wir haben sehr viel fachlichen Austausch in dieser Sache. Tatsächlich ging man jahrelang davon aus, dass Jungenarbeit einfach so läuft. Inzwischen sehen wir, angesichts der Entwicklungen, die Du gerade angesprochen hast, die Notwendigkeit, auch für Jungs und junge Männer geschlechterspezifische Jugendarbeit zu machen. Bekannt ist, dass die Einsamkeit bei vielen jungen Menschen stark zugenommen hat, was tatsächlich auch mit der Flucht in digitale Räume zu tun hat. Viele Jugendliche verbringen besonders viel Zeit in diesen digitalen Räumen. Dort stehen sie unter dem Einfluss extremer Männlichkeitsbilder, die sie nicht mehr mit anderen diskutieren können und auf die sie sich selber einen Reim machen müssen. Und das kann in der Tat gefährlich sein.

Da werden Frauen- und Männerrollenbilder verbreitet, die mich an meine Nonna aus dem Tessin erinnern, Jahrgang 1900 …

Das hat etwas, obwohl wir uns heute in einer ganz anderen Phase der kulturellen Entwicklung befinden. Zum Glück ticken auch längst nicht alle Jugendlichen so. Aber das Problem ist das jugendliche Alter der Konsumenten solcher Inhalte. Da ist keine wirkliche gesellschaftliche Reflexion, keine Einbindung dahinter, wie das bei Deiner Nonna halt noch der Fall war. Da wird eben einsam konsumiert. Und wir dürfen diese Buben nicht verlieren. Wir müssen sie ernst nehmen und in unsere Gesellschaft einbinden. Wir müssen ihr Bedürfnis nach Anerkennung ernst nehmen. Und wir müssen sehen, dass diese Manosphere momentan im digitalen Bereich überhandnimmt. Ich möchte aber all den vielen Jugendlichen ein Kränzchen winden, die diese digitale Welt von der realen kritisch unterscheiden können. Und ich möchte darauf hinweisen, dass nicht alle Jungs, die diese Inhalte konsumieren, sie auch tatsächlich leben.

Aber die Problematik ist doch signifikant genug, dass sich die Offene Jugendarbeit damit beschäftigen muss.

Natürlich. Aber für mich bleibt die Grundproblematik dahinter die Vereinsamung junger Menschen vor dem Computer, ohne Austausch, ohne menschliches Gegenüber. Das ist enorm schädlich – und dort müssen wir anpacken. Wir müssen der digitalen Vereinsamung den Dialog entgegensetzen, das ist die grosse Aufgabe. Das Problem ist, dass viele junge Menschen digitale Inhalte ohne genügend Austausch und Einordnung konsumieren.

Wie packen wir das an?

Wir haben das Glück, dass uns die Johann Wolfgang von Goethe-Stiftung Basel einen namhaften Betrag zugesprochen hat, mit dem wir ein Pionierprojekt für Digitale Jugendarbeit aufbauen konnten (Anm Red: Telebasel berichtete hier). Dafür konnten wir zwei interne Teilzeitfachstellen schaffen, die diese Thematik aufgreifen und bearbeiten. Wir finden, dass diese Thematik eigentlich fest in eine zeitgemässe Offene Jugendarbeit eingebunden werden muss. Wir sind sehr dankbar dafür, dass eine Stiftung diesen Bedarf erkannt hat. Gleichzeitig ist es meiner Meinung nach eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, sich dieser Problematik zu stellen. Auch die Politik muss Wege und Mittel finden, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Es kann nämlich nicht sein, dass in diesem Bereich wieder nur Stiftungen und private Geldgeber helfen. Auch der Kanton hat die Aufgabe, hier tätig zu werden und zu finanzieren. Denn die digitalen Themen sind aus unserer Jugendarbeit nicht mehr wegzudenken.

Mehr zum Mädchentreff Mädona

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