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Winter 2025

Resümee eines verrückten Jahrs
Liebe Leserinnen und Leser
Liebe Freundinnen und Freunde von JuAr Basel
Liebe Alle
«Brothers and Sisters, the time has come for each and every one of you to decide whether you are gonna be the problem, or whether you are gonna be the solution. You must choose, brothers and sisters, you must choose. It takes five seconds, five seconds of decision. Five seconds to realize your purpose here on the planet.»
MC5, Kick Out the Jams, 1968
Heute vor einem Jahr konnte ich endlich optimistisch in die Zukunft schauen, nach einer langen, eher dunklen und schwierigen Phase, in der die Führung von JuAr Basel als komplexes provisorisches Konstrukt immerhin funktionierte. Eine neue dreiköpfige Geschäftsleitung war im Dezember 2024 endlich aufgereiht und bereit, ihre Arbeit im Januar 2025 aufzunehmen, im 83. Lebensjahr unserer Organisation.
Das Nachfolgeproblem
Wir sind sicher nicht die einzige Organisation, die – nach markanten Pensionierungen von erfolgreichen Leitungsleuten – ein Nachfolgeproblem an den Hals bekam. Elsbeth Meier und Albrecht Schönbucher hatten JuAr Basel mehr als eine Dekade lang erfolgreich und engagiert geführt. Natürlich hatten sie dabei einen eigenen Stil entwickelt, sie waren ein wirkungsmächtiges Duo.
Der Vorstand von JuAr Basel versuchte dann mit Hilfe einer renommierten, professionellen Personalberatungsfirma ein neues derartiges Duo zu finden.
Die Vorgaben waren: Frau und Mann, versiert in Sozialer Arbeit und Geschäftsleitung. Und wir sind ja auch fündig geworden. Doch leider war es nicht möglich, jenes neue Duo zu einer funktionierenden Einheit zu formen. Das Konstrukt stürzte ab, die Verträge wurden gekündigt. Eine provisorische Geschäftsleitung musste installiert werden. Und diesmal beschloss der Vorstand, selber auf die Suche zu gehen, unterstützt von der erfahrenen Basler Macherin Gabi Mächler.
Die Lösung: 3GL
Erst im Spätherbst ‘24 konnten die neuen Verträge unterzeichnet werden – und aus einem Duo ist ein Trio geworden, die 3GL:
Louise Jordi, erfahrene Geschäftsführerin und mit allen Wassern gewaschene Zahlen-Lady; Marc Moresi, JuAr-Basel-Urgestein und langjähriger Leiter der Freizeithalle Dreirosen, eines unserer erfolgreichsten und komplexesten Angebote; und Endrit Sadiku, frischgebackener Master in Sozialer Arbeit, bis Ende 24 Mitarbeiter des Jugendzentrums ChillOut von JuAr Basel, versiert in technischen Fragen, moderner Kommunikation und heimisch in der digitalen Welt unserer Tage.
Louise Jordi wurde als prima inter pares, als Erste unter Gleichen angestellt – als jene Person, die am Ende entscheidet. Es hat sich nun aber so entwickelt, dass bisher alle Entscheide mit grossem Konsens erreicht werden konnten.
Der Weg des Verstehens
Natürlich war der Anfang etwas holprig, natürlich mussten diese Drei – die übrigens auch drei Altersgruppen repräsentieren, sie sind 30, 40 und 50 Jahre alt – unsere hochkomplexe Organisation und ihre Mechanismen zuerst kennenlernen, analysieren, ihre Abläufe und Eigenheiten verstehen und so adaptieren, dass sie damit arbeiten konnten. Denn das Vorgängerduo hatte über die Jahre selbstverständlich einen ureigenen Stil entwickelt, der von den Neuen nicht einfach adaptiert werden konnte.
Und das hat dieses Trio, weiss der Himmel (über Basel), getan – unermüdlich, geduldig, neugierig und bis in die letzten Facetten hinein erforschten sie JuAr Basel. Louise Jordi hat mir schon mehrmals gesagt, sie habe sich während dieser Phase «in die Offene Jugendarbeit verliebt». Dieses Bekenntnis bringt es auf den Punkt. Liebe zum Metier ist der Schlüssel!
Die neue 3GL ist innerhalb eines Jahres zu einer hochfunktionalen Einheit geworden. Sie haben jeden Stein umgedreht, Abläufe erneuert, Transparenz gefördert und schlicht für eine gute Stimmung gesorgt – spürbar. Sie agieren rational, zeitgemäss und stehen genauso felsenfest hinter dem Genre der Offenen Jugendarbeit wie ihre Vorgänger und deren Vorgänger usw.
Auf dem Boden der heutigen Realitäten
Ganze Prozesse wurden auf neue Beine gestellt: die Finanzen, die IT, der Umgang mit dem Personal – mit hoher Flexibilität, aber einem instinktsicheren inneren Wertesystem, wie es JuAr Basel entspricht, auf dem Boden der heutigen Realitäten.
Leider musste sich unsere Organisation im Verlauf dieser Erneuerungsprozesse von einigen Mitarbeitenden trennen – sehr unglückliche Situationen, die bedauerlicherweise unvermeidbar waren.
Leben für JuAr Basel
Die Motivation, der Treibstoff für all diese Mühen, ist für uns alle die Offene Jugendarbeit. Es sind unsere Teams in den Angeboten – Menschen, die sich dafür entschieden haben, mit Jugendlichen zu arbeiten, in guten und in schwierigen Zeiten, professionell und inspiriert, immer ganz nahe an aktuellen Entwicklungen, mit Geist und Herz.
Für diese Menschen setzen wir uns ein, denn ihre Arbeit kommt direkt den Basler Jugendlichen zugute: spürbar, hilfreich, wirksam.
Unseren Jugendarbeitenden gebührt das höchste Lob. Sie haben während allen schwierigen Phasen durchgehalten, engagiert weitergearbeitet, sie leben für JuAr Basel. Vor diesen Leuten ziehe ich meinen Hut. Sie – und alle ihre Vorgängergenerationen – sind der Grund dafür, dass die BFA/JuAr Basel nächstes Jahr ihren 84. Geburtstag begehen kann. Zudem feiern wir ein echtes Jubiläum und zwei runde Geburtstage und darüber gibt es jetzt gleich mehr zum Lesen.

Bleibt mir nun, Ihnen allen, Euch allen, unterhaltsame Lektüre und frohe Festtage zu wünschen.
One heart
One love
Herzlich
Christian Platz, Präsident JuAr Basel
2026
Ein echtes Jubiläum und zwei runde Geburtstage bei JuAr Basel: 25 Jahre Mädone, 40 Jahre Purple Park, 20 Jahre Dreirosen
Diese Angebote wurden alle gegründet, als die JuAr Basel noch Basler Freizeitaktion hiess. Unseren Namen haben wir ja erst 2012 geändert, weil die Begriffe Freizeit und Aktion einfach nicht mehr zur Arbeit unserer Organisation und zum Zeitgeist passten. 1986 entstand das Jugi Gundeli, heute PurplePark, im Jahr 2001 wurde der Mädchentreff Mädona in einem kleinen Parterre-Laden an der Mühlheimerstrasse eröffnet, 2006 wurden im Kleinbasler Kopf der Dreirosenbrücke ein Jugendzentrum, die Freizeithalle und das RiiBistro eingeweiht. Jedes dieser Angebote repräsentiert ein Stück Basler Zeitgeschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte. Grund zum Feiern besteht auf jeden Fall.

Ein zweites Zuhause für Mädchen und junge Frauen
Ein Plädoyer
Wir beginnen mit dem Mädona, weil dieses Angebot nächstes Jahr ein echtes Jubiläum feiert, bekommt es den ersten Artikel.
Bescheiden und umstritten waren die Anfänge des Mädona. Der Name wurde damals übrigens von den Besucherinnen selbst ausgewählt – und natürlich hatte er mit dem Pop-Star Madonna zu tun, damals «Top of the Pops». Doch es klingt auch der Name der Muttergottes an: Stella Maris, Maria Dolorosa, jene grosse katholische Mutter, Erbin der grossen Muttergöttinnen der vorchristlichen Antike. Bingo.
1996, ich arbeitete damals im Reporterteam der Basler Zeitung und war noch nicht in der Offenen Jugendarbeit engagiert, berichtete ich wohlwollend über die Eröffnung dieses Angebots. Daraufhin wurde ich von einigen Männern, auch Berufskollegen, angefeindet, ausgelacht: «Bist Du jetzt auch diesen Feministinnen auf den Leim gekrochen? Warum machen die nicht auch etwas für Buben?»
Auf diese beiden Fragen hatte ich zwei Antworten parat. Nummer eins: «Ja, und wie – und es fühlt sich richtig und gut an.» Nummer zwei: «Alles ist für Buben. Es ist dringend notwendig, den Mädchen etwas anzubieten.»
Permanenter Existenzkampf
Irgendwie haben diese beiden Klischees ein Vierteljahrhundert überlebt – trotz allen Realitäten, die in diesem Angebot geschaffen wurden, trotz der tausendundeinmal erwiesenen Notwendigkeit unserer Mädchenarbeit, die nun an der Unteren Rebgasse in einer geräumigen Parterre-Situation beheimatet ist und zudem im Gundeli eine Filiale mit Mädchen-Café betreibt.
Das Mädona wird von der Stadt – als einziges Jugendzentrum von JuAr Basel – nicht ausreichend finanziert. Das Team und die Geschäftsleitung von JuAr Basel mussten von Anfang an für die Existenz des Angebots kämpfen; ohne die grosszügigen Zuwendungen der Christoph Merian Stiftung und der Sulger Stiftung könnte das Mädona nicht dort stehen, wo es heute steht. Dieses Angebot ist nämlich überaus erfolgreich, sowohl von den Nutzungszahlen her, als auch bezüglich seiner Inhalte.
Das Erziehungsdepartement hat kaum Gehör für die Mädchenarbeit, selbst das Gleichstellungsbüro hatte immer Mühe damit. Ich erinnere mich an einen Briefwechsel mit dieser Amtsstelle vor einigen Jahren, in dem die Schminkkurse und eine «Pimp your Jeans»-Aktion des Mädona kritisiert wurden. Dies verstärke anscheinend überkommene Frauenbilder. Es wurden Fragen gestellt wie: «Wo sind denn die künftigen Pilotinnen und Motorradrennfahrerinnen?»
Auch darauf habe ich eine Antwort: «Im Kleinbasel und im Gundeli sind sie noch nicht angekommen.»
Jetzt mal im Ernst
Jetzt mal im Ernst: In Basel-Stadt leben unzählige Mädchen und junge Frauen, die stark benachteiligt sind – ganz real. Mädchen, die an der Schnittstelle zweier Kulturen leben oder in bildungsfernen Haushalten, die oft genug auch nagende finanzielle Herausforderungen erleben. Mädchen, die zuhause eine Realität erfahren, welche nicht mit den Werten hinter der Schweizer Gesetzgebung vereinbart werden kann, die trotz Talenten keine Berufslehre machen dürfen, deren Interessen daheim keine Rolle spielen, die in den Ferien zwangsverheiratet werden.
Mädchen, die zwar von den Eltern streng überwacht werden, aber null Förderung erfahren. Mädchen, die sich oft genug den Interessen dominanter Jungs-Gruppen unterordnen müssen. Mädchen, deren Freunde auf dem Handy Pornos konsumieren und von der Freundin verlangen, dass sie diese Szenen nachspielt. Mädchen, die von den Schönheitsidealen unter Druck gesetzt werden, die ihnen das Internet permanent vermittelt.
Mädchen, die wichtige Themen, nagende Nöte und eine reiche Gedankenwelt in sich tragen, sie aber nie diskutieren können – vor allem dann nicht, wenn auch eine dominante, laute, robuste Bande von Jungs im Haus ist.
So sieht die Realität aus.
Mädchen werden oft an den Rand gedrängt
Es kommt oft genug vor, dass Gruppen von Jungs die Mädchen in den Jugendhäusern an den Rand des Geschehens drängen; in den meisten Jugendzentren verkehren deutlich weniger Mädchen als Jungs. Wir erleben auch, dass plötzlich eine laute Jungs-Gruppe im Alter von 14, 15 Jahren in einem Jugendzentrum markant auftritt – und der Mädchenanteil sinkt.
Ins Jugendzentrum Dreirosen – beispielsweise – dürfen viele Mädchen und junge Frauen von Daheim aus nicht.
Es gibt auch kaum Mädchen, die im Mutterhaus des Mädona und gleichzeitig in der Filiale im Gundeli verkehren, weil sie ihre Wohn-Quartiere in der Freizeit nicht verlassen dürfen. Einige von ihnen werden permanent von den Eltern angerufen, einige tragen einen Apple-Chip bei sich, über den sie überwacht werden. Sie fürchten sich zudem vor Gewalt und Anmache im öffentlichen Raum.
Sie sind von Ängsten und Projektionen umgeben, doch ihre Interessen kümmern kaum jemanden. Und sehr früh am Abend müssen sie zuhause sein.
Das alles sind die Realitäten, die das Mädona aufgreift – und, jawohl, verändern kann.
Projekte, Konzepte, Lebenshilfe
Wenn ich vor einigen Jahren die Aktivitäten unserer Jugendzentren schilderte, war häufig von grossen Projekten die Rede. Leider hat dieser Trend nachgelassen: Die Besucherscharen sind heute zu unzuverlässig, zu unverbindlich, zu unmotiviert und zu divers für grössere Projekte geworden, die sich über eine gewisse Zeit hinziehen.
Bei JuAr Basel finden natürlich trotzdem viele gut besuchte und dankbar aufgenommene Jugendprojekte statt – im Rahmen unserer täglichen Arbeit an der Front.
Die Leiterinnen des Mädona, Carmen Büche und Angi Orlando, und ihr Team, spüren den Puls ihrer Besucherinnen. Sie sind ganz nahe an allen Trends, allen Aufregern und Anliegen, allen popkulturellen und psychosozialen Phänomenen, die ihre Klientel beschäftigen. Die Lebenswelt der Mädchen und jungen Frauen leben sie einerseits aktiv mit – das ist ihnen in vielen Jahren zur zweiten Natur geworden. Gleichzeitig sind sie gewiefte, hochprofessionelle Jugendarbeiterinnen und Projektschmiedinnen, mit scharfem Blick für Signifikanten, für die Wurzeln von Problemstellungen und Veränderungsprozessen.
Publikationen, Workshops, Kurse, Ausflüge, Thementage und -wochen, praktische Lebenshilfe, Kuchenverkauf, Teilnahme an Events – alles ganz und gar lebendig sowie zielgruppengemäss, in Sprache und Ausgestaltung. Handfeste Antworten auf Lebensprobleme, Stresssituationen, Ängste, psychische Probleme, persönliche Begleitung und Direkthilfe. Spiel, Spass, Basteleien, Kochtage, Backtage… In Zusammenarbeit mit Fachstellen, Fachpersonen, renommierten Beratungsinstitutionen, alles bei der Zielgruppe hochwillkommen, stark genutzt.
Das Mädona ist und bleibt für Mädchen und junge Frauen ein zweites Zuhause – und sie brauchen es. Basel könnte durchaus mehr Treffs dieser Art vertragen.
Bitte setzt Euch für den Mädona-Gedanken ein!
40 Jahre PurplePark
Es fing gleichzeitig an wie die Karriere der Beastie Boys

Am Anfang hiess es schlicht Jugi Gundeli. Das Angebot war in einer eher kleinen Baracke in der Nähe des Südkopfs des Bahnhofs SBB untergebracht, auf Eisenbahngelände. Ein ganz schmaler Weg führte zwischen hohen Gitterzäunen zum Eingang. Die Meret-Oppenheim-Strasse gab es damals noch nicht. Diese städtische Zone wurde mit dem Umbau des Bahnhofs in den 1990er Jahren komplett umgestaltet. Die erste Jugi-Baracke brannte dann nach wenigen Jahren ab, wurde durch eine neue, modernere ersetzt, die schliesslich jenem geräumigen zweistöckigen Containerbau wich, umgeben von einem stolzen Skatepark, den wir heute kennen.
1986 erschien das erste Album jener drei weissen Rapper aus New York City, die sich Beastie Boys nannten. Der Titel lautete, in einer ironischen Abwandlung des bekannten James-Bond-Klischees, «Licensed to Ill». Dieser Erstling, ruppig, funky, voller Ironie und gewürzt mit einer tüchtigen Portion eines neuen urbanen Nihilismus, wurde zu einer der bestverkauften Hip-Hop-Platten der 1980er Jahre. Und das ist in diesem Zusammenhang von hoher jugendkulturgeschichtlicher Relevanz.
HipHop, New York – Basel
Denn im Geburtsjahr des Jugi Gundeli begann das sogenannte Golden Age des HipHop, einer Musikform, die sehr schnell die Welt der Popmusik umkrempelte und heute klar an der Spitze des Musikgeschäfts steht. Dieser Sound kam aus den Ghettos von New York, aus der afroamerikanischen Musikszene, die der Welt bereits Blues, Ragtime, Jazz, Soul, Rock’n’Roll und Funk geschenkt hatte. Dieser Sound hat tiefe Wurzeln.
Anfang der 1970er Jahre entstand HipHop. Damals wurde er meist noch als Rap Music bezeichnet. DJs schufen diese Musik, funky, aufmüpfig, tanzbar, indem sie Plattenspieler virtuos manipulierten und zu eigentlichen Instrumenten machten. MCs erfanden dazu Reime und trugen sie in einer melodisch gesprochenen Weise vor, die bald Flow genannt wurde.
Diese Musik aus dem afroamerikanischen Underground begann Mitte der 1980er Jahre auch Basler Jugendliche zu faszinieren. Viele von ihnen stammten aus migrierten Familien. HipHop kam als kulturelles Gesamtpaket daher, in dem vier Elemente zusammenwirkten: das Sprachwunder des Rappens, die DJ-Kunst, die Graffiti-Art und der akrobatische Breakdance. Als die Geschichte des Jugi Gundeli begann, zog das Haus diese neue Szene an. Es war eine wilde, interessante Situation voller kreativer Energie, die jedoch teilweise auch eine neue Gewaltproblematik mit sich brachte.
Der Aufbruch und Erfolg des HipHop war für die Jugendarbeit von vergleichbarer Bedeutung wie einst der Siegeszug des Rock’n’Roll, später die Durchsetzung des modernen Rock in all seinen vielen Facetten und schliesslich die Punk-Revolution, ikonoklastisch und polarisierend. All das hat seit 1942 Spuren in der DNA der BFA und der heutigen JuAr Basel hinterlassen.
Die Geschichte unserer Jugendarbeit im Gundeli ist bis heute stark geprägt von zwei urbanen Kräften, die sich durchaus gegenseitig befruchtet haben: HipHop-Kultur und Skateboarding.
Die Leute mit den Skateboards
Mit der Ausbreitung von HipHop wuchs in Basel auch die urbane Skateboardkultur, verrückt, laut und sichtbar. Ihre frühen Wurzeln lagen im Surfen und an der kalifornischen Westcoast (die ersten Skateboards wurden bereits in den 1940er Jahren gebaut, in den 1970er Jahren wurde das Design revolutioniert). In der Stadt bekam das Skaten schnell ein eigenes Gesicht. Skateboarding spielte sich zwischen Beton, Stahl und Bahnanlagen ab, begleitet von Musik, die perfekt dazu passte. Der Soundtrack dieser Szene war eine eigenartige, aber logische Mischung aus Punk Rock und HipHop. Schnelle Gitarren, aggressive Beats, wütende Stimmen und schwere Breaks gaben den Rhythmus vor.
In den 1980er und 1990er Jahren tauchten in Basel immer mehr junge Leute mit Boards auf: an Treppen, auf Plätzen, entlang von Mauern und Geländern. Sie hörten Public Enemy und die Beastie Boys genauso wie Black Flag, Dead Kennedys oder Minor Threat. Skateboarding war Bewegung, Haltung und Widerstand zugleich. Man fiel hin, stand auf, probierte es wieder, oft stundenlang, mit aufgeschlagenen Knien und kaputten Schuhen. Man erlebte die städtische Architektur auf rasenden Rädern.
Eigene Codes und Wege
Diese Szene entwickelte eine eigene Bildsprache, eigene Codes und eine klare Vorstellung davon, wie man sich in der Stadt bewegt und behauptet. Skateboarding formte Körper, Blickwinkel und soziale Beziehungen. In Basel war es über Jahre hinweg eine Kultur der Ränder, laut, sichtbar und nicht immer bequem, aber voller Energie und Eigenständigkeit. Bis heute prägt sie das urbane Lebensgefühl vieler Jugendlicher – und inzwischen auch Erwachsener. Auch diese Kultur hat bei der BFA im Gundeli eine Heimat gefunden.
Auf die Errichtung des Containerbaus folgte in diesem Jugi eine ausserordentlich produktive Phase, geprägt von einem innovativen und aussergewöhnlichen Leitungsteam: Ines Hugle und Silvan Piccolo, die leider beide nicht mehr bei JuAr Basel arbeiten.
Ihnen gelang es, dem Angebot einen ganz neuen Charakter zu geben: ein stimmiges Konglomerat aus Offener Jugendarbeit, Animation, Tanz, Skaten und Musik.
Reflektiert-kritische Ironie
Sie schafften es, ganz unterschiedliche Interessen und Gruppen von Jugendlichen gleichzeitig zu unterstützen, nahtlos ineinanderfliessen zu lassen und ihre Besuchenden in alle Aspekte des Hauses und der Anlage einzubeziehen, ernsthaft und zupackend, gleichzeitig aber mit Leichtigkeit, viel Humor und einem ganz eigenen Destillat von reflektiert-kritischer Ironie.
Skateboard-Meisterschaften, Musikfestivals, Tanzproben, junge Künstlerinnen und Künstler, Treffbesuchende, die einfach relaxen wollten, dies alles und viel mehr konnte sich in der Raumhülle mit dem Skatepark vor der Tür ereignen. Wobei Ines und Silvan – immer gemeinsam mit den Jugendlichen – auch in Sachen Haus- und Anlagenbau mächtig anpackten. Auch der Skatepark ist weitgehend im partizipativen Eigenbau entstanden.
Und das Angebot erhielt einen neuen Namen, gemeinsam mit den Jugendlichen erfunden: PurplePark.
Natürlich liegt darin eine schöne, fast beiläufige Parallele zu Prince und seinem Purple Rain, zu jener radikal eigenständigen Soul- und Popfigur, die sich nie vereinnahmen liess und ihre Welt nach eigenen Regeln baute. Auch hier steht «Purple» weniger für eine Farbe als für eine Haltung: für Eigenständigkeit, für Stil, für das Recht, anders und vielleicht ein bisschen verrückt zu sein.
Das zeigt, wie stark Popkultur, Musik und jugendliche Selbstverortung ineinandergreifen. Solche Namen entstehen nicht am Reissbrett, sondern aus Identifikation.
Die grosse Neugestaltung
Heute wird das Haus von Sabrina Fleury geführt. Sie hat das Modell mit grossem Respekt übernommen und dann massiv ausgebaut, mit massivem Engagement. Dabei scheute sie keinen Aufwand, keine physische Schufterei, keine Fleissarbeit – und räumte turmhohe Hindernisse aus dem Weg.
So gestaltete sie, zusammen mit ihrem Team und dem Architekten Martin Zbinden, einem engagierten Skater, der schon seit vielen Jahren prägend an der Skateanlage des Hauses mitgewirkt hatte, das gesamte Gelände um den Containerbau neu, mit innovativen und teilweise auch verrückten Elementen.
Leider konnte JuAr Basel die Finanzierung nicht alleine stemmen. Sabrina setzte jedoch alle Hebel in Bewegung: mit einer Spendenkampagne, einem Fest im Haus – und am Ende konnten die Pläne vollumfänglich umgesetzt werden. Heute wirkt ein fünfköpfiges Team im PurplePark, das Haus floriert.
Das einzige Problem ist die Abfallflut rund um den PurplePark, verursacht von durchreisenden Billigbustouristen, die von der SBB provisorisch, aber jahrelang, vor dem Haus abgeladen werden, den PurplePark sehen und ihn als Wartelager nutzen. Die Situation war zeitweise so übel, dass sogar die nationale Presse darauf reagierte. Doch auch dieses Problem wird sich legen. Die Offene Jugendarbeit und die Jugendkultur werden es überleben.
Aber zuerst wird Geburtstag gefeiert!
20 Jahre JuAr Basel im Brückenkopf
Jugendzentrum, RiiBistro und Freizeithalle Dreirosen

Huch, ich bin ja bald schon seit 20 Jahren im Vorstand von JuAr Basel – und mein erster grosser Anlass, den ich in dieser Funktion besucht habe, war die Eröffnung der Angebote im Kopf der Dreirosenbrücke im Jahr 2006. Ach, so eingenommen war ich damals von diesen modernen, grosszügigen, soliden Räumen, die nach dem Neubau der Brücke entstanden waren, den ich als Anwohner hautnah miterlebt hatte, dass ich dachte: Das ist mal ein zukunftsweisendes Angebot, so muss das aussehen. Nun sind wir in der Zukunft. Das ganze Konstrukt feiert seinen Zwanzigsten und hat bereits eine unglaubliche, teils dramatische Geschichte hinter sich.
Ouvertüre
Das erste Drama fand eine Woche vor der Eröffnung in unserem Hauptquartier im Waisenhaus statt. Das Justizdepartement untersagte der BFA, die Freizeithalle und das RiiBistro zu führen, das wirtschaftliche Risiko sei zu gross. Dieser Gedanke fusste auf der Tatsache, dass die Organisation kurz zuvor mit einem grossen Gastroabenteuer in die Minuszahlen gerutscht war.
Nach dem Rücktritt des Gesamtvorstands und der Entlassung der Verantwortlichen wurde die Basler Freizeitaktion neu aufgegleist. Ich hatte das Glück, Teil dieser Bewegung zu sein.
Die Finanzierung des Bistrobetriebs und der Freizeithalle war tatsächlich speziell. Einerseits musste Inge Born, Gründerin und jahrelange Leiterin des Betriebs, gut wirtschaften. Andererseits waren Arbeitseinsatzprogramme für Beiz und Halle geplant, die jungen Menschen, die Probleme haben, den Eintritt in die Arbeitswelt erleichtern sollten, betreut von den Teams im Brückenkopf. Diese Programme wurden von der Sozialhilfe abgegolten, was lange, komplexe und zähe Verhandlungen erforderte
Das Risiko war keineswegs so hoch wie jenes beim Gastroabenteuer unserer Vorgänger, doch es war real. Der Entscheid lautete: Die BFA darf das Jugendzentrum betreiben, nicht aber die anderen Aktivitäten im Haus.
So wurde ein Trägerverein für Halle und Bistro gegründet, der aus drei Personen bestand: unserem Geschäftsführer Albrecht Schönbucher, unserem Finanzmann Alain Baumann – beide inzwischen pensioniert – und meiner Wenigkeit.
Wir mussten eine eigene Finanzstruktur aufbauen, einen eigenen Jahresbericht erstellen und vieles mehr. Leiter der gesamten Struktur vor Ort war von Anfang an Marc Moresi, der zuvor im Jugendhaus Barracuda der BFA gewirkt hatte. Leiterin des BFA-Jugendzentrums im Brückenkopf wurde seine ehemalige Chefin Waltraud «Waldi» Waibel. Die beiden waren es gewohnt, fliessend und fast schon telepathisch zusammenzuarbeiten. Wir hatten also eine gute Ausgangssituation.
Erster Akt
Das Jugendzentrum, die Freizeithalle und das RiiBistro starteten mit Pauken und Trompeten. Alle Angebote wurden fast ab sofort förmlich überrannt. Gelegen im einwohnerstärksten Teil unserer Stadt, in dem es an Freiräumen mangelt, wurden der Brückenkopf und die neue Dreirosenanlage umgehend in Beschlag genommen.
Die Freizeithalle, die in den ersten Jahren alles gratis anbieten konnte – erst später wurden uns für einige Aktivitäten Gebühren auferlegt –, zog alsbald eine Kundschaft aus der ganzen Region an. Der Wahnsinn.
Während das Jugi bald mit den ausgeklügelten Projekten von Waldi für Furore sorgte, mit der Zeit sogar national, war für unseren Minivorstand und Marc ein Sitzungsmarathon zu bewältigen. Auf allen möglichen Stufen des Wirtschafts- und Sozialdepartements wurde endlos diskutiert und gefeilscht, bis die Finanzierung einigermassen gesichert war.
Ganz stabil ist sie nie geworden. Sie blieb volatil, musste sich den Zeitläufen anpassen, und die Arbeitseinsatzprogramme sind heute inhaltlich noch anspruchsvoller für das Team als früher.
Zweiter Akt
Als die BFA im Jahr 2012 ihren 70. Geburtstag feierte, geschahen gleichzeitig viele Dinge. Ein umfassender Organisationsentwicklungsprozess ging zu Ende, Name und CI der Organisation wurden geändert, ich wurde zum Präsidenten der neuen JuAr Basel gewählt – nachdem ich zuvor versucht hatte, alle anderen Kolleginnen und Kollegen dazu zu überreden, das Amt von Thomas Ineichen zu übernehmen. Und das Erziehungsdepartement erlaubte uns, den dreiköpfigen Vorstand aufzulösen. Die JuAr Basel durfte nun endlich den ganzen Brückenkopf führen.
Der unglaubliche Andrang auf die Dreirosen-Angebote war ein bestimmendes Thema jener Zeit. Ganze Kinderhorte aus der gesamten Region nutzten die Freizeithalle, genauso wie viele Kleinbasler Familien aus dem Umfeld. Man musste darauf achten, dass es nicht zu Verdrängungen kam. Die Angestellten der anliegenden Firmen hatten das RiiBistro mit seinem guten und günstigen Mittagessen entdeckt. Die Besuchenden des Jugendzentrums bildeten einen ganz und gar bunten Haufen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten und Kulturen. Das Publikum des Hauses war – und ist bis heute – enorm multikulturell, genauso wie die vielen Menschen, die sich bei schönem Wetter auf der Anlage neben der Brücke tummeln.
Die Projektschmiede des Jugendzentrums realisierte das grossartige Knigge-Projekt «Ich bin mehr, mach mehr aus Dir» für Jugendliche, in einem Dokumentarfilm festgehalten, der in der ganzen Schweiz gezeigt wurde. Das Projekt wurde ein Exportschlager und unter der Leitung von Waldi und ihrem Team in vielen Schweizer Jugendzentren durchgeführt.
Das dreiteilige Brückenkopfprojekt Dreirosen war und ist inhaltlich ein grosser Erfolg, von Anfang an, mitten im inzwischen bevölkerungsreichsten urbanen Ballungsraum unseres Landes. Doch auf der Anlage traten zunehmend Probleme auf: Drogenhandel, Vandalismus, Belästigung von Frauen und Mädchen, schlechtes Benehmen und Gewalt.
Dritter Akt
Nationale Medien begannen, sich für das Dreirosen zu interessieren. Ein Dokumentarfilm und eine Dokuserie des SRF zeigten die Realitäten vor Ort. Während die Situation auf der Anlage immer herausfordernder wurde, stieg der Druck auf die Räume der Freizeithalle, die man günstig mieten kann, zusehends.
Das Jugi platzte aus allen Nähten, während draussen Dealergruppen, Drogenkonsumierende, Betrunkene und eine Szene junger Männer mit Fluchtgeschichte, die in der Schweiz am Rand der Gesellschaft leben, für Unruhe sorgten. Die Probleme gestalteten sich massiv. Allen voran war es Marc Moresi – heute Mitglied der Geschäftsleitung von JuAr Basel und Leiter des gesamten Brückenkopfs –, der diesen Missständen die Stirn bot: differenziert, dialogbereit, deeskalierend, aber mit bewundernswerter Entschiedenheit. Zum Glück war er nicht allein. Er hatte die Teams des Hauses und den Vorstand von JuAr Basel im Rücken.
Wieder gab es nationale Medienberichte. Vom gefährlichsten Ort der Schweiz war bald die Rede, immer wieder stark überzeichnet. Unsere Leute nahmen Kontakt auf und arbeiteten zusammen mit der Polizei, den Quartiervereinen, allen relevanten Akteuren im Umfeld und zuständigen Ämtern. Die Basler Sicherheitsdirektorin Stephanie Eymann stattete den Angeboten einen langen Besuch ab. Kameras wurden installiert, wir machten eine Anti-Gewalt-Kampagnen, die Polizei-Kontrollen wurden erhöht, ein Ranger-Dienst eingesetzt, bis wieder ein einigermassen lebbarer Zustand erreicht war.
Epilog
Ja, unsere Angebote im Brückenkopf sind Sensoren moderner städtischer Lebensrealitäten, ausgestattet mit sehr engagierten Teams, die alle ihren Teil zu diesem vielstimmigen Konzert beitragen, das hier Tag für Tag erklingt. Viele Mitarbeitende von JuAr Basel haben hier Herzblut vergossen und Einsätze geleistet, die man mit Lohn allein nicht abgelten kann. Ihnen allen sind wir zu grösstem Dank verpflichtet.
Denn merke: Das Dreirosen-Projekt lebt. Erfolgreich, einmalig, in all seiner stolzen Diversität und Widersprüchlichkeit.
Bald dürfen wir sagen: Happy Birthday, 3Rosen!
Der Junge mit der Gitarre
Eine andere Weihnachtsgeschichte

Während der Lockdown-Zeit, kurz nach den ersten Lockerungen, machte ich in einem Jugendzentrum Interviews mit Jugendlichen und befragte sie zu jener langen Zeit, die sie daheim verbringen mussten. Natürlich bekam ich viele traurige Antworten: über Tage und Stunden am Computer und am Handy, über Hobbys, die nicht mehr gepflegt werden konnten, aber auch über die Teilnahme an innovativen digitalen Aktivitäten, die von unseren Jugendzentren damals aufgezogen wurden.
Dabei lernte ich einen Jugendlichen kennen, der sich gezielt retro kleidete, ein bisschen so, wie meine Generation in den Seventies aussah: lange Haare, Brille, neugierige Augen. Das machte wiederum mich neugierig. Tatsächlich interessierte er sich für Rockmusik. Und noch besser: Er hatte während der stillen Zeit eine Gitarre bekommen und übte mit YouTube-Tutorials. Ich ermutigte ihn natürlich, auch weil ich selber Gitarre spiele. Er kam dann auch in einem Artikel unseres Newsletters vor.
Einige Jahre später eröffneten wir ein neues Jugendhaus – und da war er wieder. Und zwar als Gitarrist der Band, die unsere Eröffnung spielte: er an der Gitarre, dazu drei Mädchen – eine am Bass, eine am Schlagzeug und eine Sängerin. Die Band machte ordentlich Dampf. Ich gratulierte ihm dazu, dass er drangeblieben war – und jetzt schon live auftrat.
Ich freute mich sehr für diese Kids, die Rock spielten, in einem Quartier, in dem HipHop eigentlich König ist, in dem es auch immer wieder zu Strassengewalt-Vorfällen kommt, in einem Jugendhaus, in dem viele laute und schwierige Jungsgruppen verkehren. Ein junger Gitarrist hat eine Band mit drei Girls, zwei davon spielen Instrumente, hinter denen immer noch zu wenige Frauen stehen. Toll!
Letzten August habe ich ihn angetroffen, auf dem Pausenhof der Schule für Gestaltung Basel. Ich gehörte zu einem Team, das den Sommerkurs der Grafikfachklassen unterrichtete. Ich begrüsste ihn und fragte, ob er jetzt hier zur Schule gehe. Ja, er fange gerade mit dem Vorkurs an. Ich fragte ihn nach seinen musikalischen Aktivitäten. Und jawohl: Er hatte immer weitergemacht, in mehreren Bands gespielt, in Basel und Zürich, und war im Begriff, sich eine richtig gute elektrische Gitarre zu kaufen. Rock’n’Roll – auch das ist junge Kultur im Jahr 2025.
Man hört, wenn man die Ehre hat, Präsident von JuAr Basel zu sein, viele Geschichten von Jugendlichen und über Jugendliche. Manche davon sind traurig oder hochbedenklich, andere wunderbar aufmunternd. Die vom Jungen mit der Gitarre gehört klar in die zweite Kategorie.