Newsletter Frühling 21
Jugendarbeit Basel
in ihrer ganzen Vielfalt

Liebe Leserinnen
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Liebe Leser
Liebe Freundinnen und Freunde von JuAr Basel
Liebe Alle
Sie haben soeben den neuen Frühlingsnewsletter von JuAr Basel erhalten, wir bringen Ihnen Aktuelles rund um unsere Angebote auf den Bildschirm. Die Felder der Offenen Jugendarbeit blühen schliesslich auch während der Pandemie-Krise – und, ja, wir haben auch jede Menge Sturm geerntet.
Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre und frohe Ostern.
Beste Grüsse
One Love
Christian Platz
Vorwort Frühling-Newsletter JuAr Basel 03/2021
Freizeitarbeit oder soziale Angebote?

Von Christian Platz, Präsident JuAr Basel
In über der Hälfte der Schweizer Kantone gehört die Offene Jugendarbeit offiziell zu den sozialen Angeboten. In Basel wird uns weiterhin nur der Status von Freizeitangeboten zugestanden, wie wir vor kurzer Zeit vernehmen durften, von oberster Stelle. Wirklich stichhaltige Gründe dafür scheint es nicht zu geben, ausser einer überholten traditionellen Sichtweise, die der heutigen Situation einfach nicht mehr gerecht wird.
Das Freizeitverhalten der Jugend
Die Gründer der BFA, der Basler Freizeitaktion, so hiess unsere Organisation von 1942 bis 2012, machten sich tatsächlich Sorgen um das Freizeitverhalten der Jugend. Dabei hatten sie vor allem jenen der Teil der Jugendlichen aus dem Proletariat im Sinn, der nicht bei den Pfadfindern oder bei kirchlichen Organisationen mitmachte. Man wollte diese Kundschaft – letztlich – zu jenem sinnvollen, massvollen, harmlosen Freizeitvergnügen erziehen, das sich die Welt der Erwachsenen damals wünschte. Natürlich schuf man damit auch einen Unterbauch an heimlichen Zonen, in denen das Unausgesprochene wohnen musste, das fröhliche, aber auch monströse Erscheinungen hervorbrachte (selbstverständlich manifestierte sich dieses Phänomen bei den sogenannten Bündischen Organisation ebenfalls, dort lag der Hund einfach noch tiefer begraben).
Anfänglich wurden den Mädchen Webstuben zugestanden, den Jungs Radiobastelkurse, die dann einen ungeplanten – gar unerwünschten – Nebeneffekt hatten, durch die Erweiterung der Frequenzbänder. Letztere brachte nämlich jene neue aufregende Musik aus den USA nach Basel, den Jazz, den Swing, die Anfänge des Rhythm&Blues, später den Rockn
Roll. Kulturelle Genres, die den «Jugendfreunden», so nannten sich die Leute, damals alles Herren übrigens, die hinter der BFA steckten, überhaupt nicht schmeckten. Denn sie rochen ja schon nach Entgrenzung, Rebellion, Hedonismus.
Rückzugsgefechte
Fortan wurden Rückzugsgefechte gegen diese neuen «Unkulturen» geführt, die immer mit heftigen Auseinandersetzungen begannen – und immerzu mit der Integration der neuen Genres in die hiesige Gesellschaft und in die Jugendarbeit endeten. Es kam dabei allerdings zu Verzögerungen: als die Jugendlichen den Rockn
Roll entdeckten, wäre es den Leuten von der BFA lieber gewesen, sie hätten sich noch mit Jazz befasst; als die ersten Punk-Rocker auftauchten, lebten und liebten die Jugendhaus-Teams noch in der Hippie- und Freak-Welt; dort fühlten sie sich wohl, die neue und rohe Jugendkultur von der Strasse erschreckte sie, sie taten sich schwer damit, diese neue Aufsässigkeit zu integrieren.
Gewiss wurde auch damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, auf der Höhe der damaligen Zeit, doch die Zeiten, Mentalitäten und Realitäten haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert.
Professionalisiert
Inzwischen ist das nämlich alles ganz anders. Das Metier der Offenen Jugendarbeit hat sich lange schon professionalisiert. Die Jugendarbeitenden wissen heute über neue Trends Bescheid, egal, wie quer sie auf die momentane Erwachsenenwelt gerade wirken. Sie erkennen die Motive, die sozialen Impulse, die dahinterstecken, sie nehmen diese Trends in ihre Arbeit auf, thematisieren sie mit den Jugendlichen, lassen die Kids ihre Vorlieben feiern, behalten und vermitteln gleichzeitig aber auch Distanz und kritische Reflexion.
Und warum hat sich unser Genre derart verändert? Ganz einfach, weil es sonst untergegangen wäre. Der überwiegende Teil der Erwachsenenwelt (zum Glück nicht alle) zur Zeit der Gründung unserer Organisation in den 1940er Jahren war davon überzeugt, dass man den Jugendlichen kein kulturelles Urteil zugestehen könne. Das ist deshalb lustig, weil nur 30 Jahre später die Jugendkultur den gesellschaftlichen Takt angab – und weil heute, nochmals 50 Jahre später, das, was früher Jugendkultur hiess, sich schlicht in der ganzen Gesellschaft auflöst. Jeder neue Trend, der unter jungen Menschen auftaucht, wird von Gesellschaft und Industrie gierig aufgesogen, vermarktet, integriert; ein Kreisel, der sich immer schneller dreht.
Gespräche als Arbeitsmaterial
Was bleibt, was bei der Jugendarbeit immer im Zentrum stand, sind die Gespräche. Die Inhalte, die Jugendliche und Jugendarbeitende offen austauschen, sind das Basismaterial dessen, was wir heute Beziehungsarbeit nennen. Die Inhalte dieser Gespräche haben die Geschichte der modernen Offenen Jugendarbeit geformt. Die Einsicht, dass man die Jugendlichen und die Dinge, die sie beschäftigen, ernst nehmen muss, dass man ihren Einsichten, Wünschen und Lebensrealitäten in der Gesellschaft Raum geben muss, dass man dem Form- und Gestaltungswillen junger Menschen Rechnung tragen und auf ihre Probleme reagieren muss, hat sich am Ende durchgesetzt. Und das ist der heutige Stand.
Auf Augenhöhe
So ist es unserem Genre gelungen, seine Rolle in der Gesellschaft zu verwandeln, aus dem Aufsichtsauftrag der Vergangenheit ist eine Partnerrolle geworden, das Missvertrauensverhältnis ist einem Vertrauensverhältnis gewichen, mit allen Konsequenzen. Denn das streng überwachte Freizeitangebot von damals ist zur gemeinsamen Freizeitgestaltung geworden, auf Augenhöhe, wie man heute gerne sagt – und wir nehmen diese Sprachformel ernst, die ja oft genug heuchlerisch angewandt wird.
Dies führt wiederum dazu, dass die Jugendarbeitenden von ihrer jungen Klientel Dinge erfahren, welche Kids in diesem Alter oft weder in der Schule noch im Elternhaus auf den Tisch legen. Dabei kann es sich um höchst positive Dinge handeln, durchaus können verborgene Talente und Interessen auftauchen, die nach konstruktiver Förderung rufen. Aber es können sich auch erschreckende Abgründe auftun, die sofortiges Handeln verlangen. Die Freizeitarbeit ist vor diesem Hintergrund eben längst zur professionellen Sozialarbeit geworden. Unter den Mitarbeitenden von JuAr Basel gibt es kaum mehr Leute, die nicht bestens geschult, ausgebildet, vernetzt sind. Unsere Mitarbeitenden beherrschen die Kunst des Gesprächs, achten auf Unter- und Zwischentöne, sie wissen genau, wann und wohin sie im Notfall triagieren müssen. Auf dem Feld der Freizeit erntet die Offene Jugendarbeit nämlich die nahrhaften – und die ungeniessbaren – psychosozialen Realitäten unserer Zeit, ungefiltert, wie kaum ein anderes Angebot.
Damit umzugehen, verlangt hohe Kompetenz in – jawohl – sozialer Arbeit. Alle Angebote der Offenen Jugendarbeit in diesem Land haben inzwischen ganz und gar professionelle Standards.
Respektlos
Vor diesem Hintergrund ist es ist kein Zufall, dass wir 2012 die Entscheidung getroffen haben, den Namen Basler Freizeitaktion abzulegen, weil er die Realität unserer Arbeit schon lange nicht mehr abbildete, und uns für die Zukunft den zeitgemässen Namen Jugendarbeit Basel gegeben haben. Denn das machen wir, professionelle Jugendarbeit auf der Höhe unserer Zeit – und das heisst zwingend soziale Arbeit. Deshalb sind die Angebote der JuAr Basel und ihrer Partnerinstitutionen soziale Angebote! Es ist respektlos, sie weiterhin als Freizeitangebote zu bezeichnen – es sei denn, dieses Bestehen auf einer überholten Sprachklammer, die überall drückt wie ein paar schlecht sitzende Wanderschuhe, wäre ein symbolischer Akt, der dazu dient, uns klein und handlich zu halten.
Offene Jugendarbeit in den Sturmfluten der Pandemie

Es war von Anfang an alles andere als einfach, während der Pandemie – und speziell während den beiden Lockdowns – weiterhin Beziehungsarbeit zu leisten, obwohl gerade diese von unserer jungen Klientel dringend gebraucht wurde und wird. Projekte und Jugendkulturarbeit mussten entweder zurückgestellt oder in den digitalen Raum verlagert werden. Dabei kam viel Innovatives zustande, darunter auch durchaus zukunftsweisende Elemente. Doch es wurde auch klar, dass Begegnungen auf dem Internet reale Begegnungen, gerade in heiklen Situationen, niemals ersetzen können.
Von Christian Platz
Worte schaffen Realitäten, vor allem dann, wenn es man es mit Ämtern zu tun hat. Dieser Umstand gilt seit Menschengedenken und hat ja durchaus seine Berechtigung. Wenn aber Worte im Schwang sind, die gesellschaftliche Realitäten nur noch unscharf abbilden, werden sie zu bürokratischen Verhinderungsformeln. Was die Arbeit der JuAr Basel anbelangt, waren es vor allem zwei überkommene Formeln, die uns ausgebremst haben. Einerseits eben die unverständliche Benennung unserer Angebote als Freizeitangebote, die Verweigerung, uns zuzugestehen, dass wir soziale Arbeit leisten. Zweitens eine nahezu absurde – streng abgrenzende – Unterscheidung zwischen Jugendarbeit und Jugendkulturarbeit, obwohl die offenkundige Realität jene ist, dass hier die Grenzen besonders fliessend sind.
Beziehungsarbeit bei Kälte und Schnee
Unser Jugendhaus Lava in Birsfelden hatte bei JuAr Basel in letzter Zeit einen Sonderstatus – weil es auf Baselbieter Boden liegt. Der Kanton Baselland akzeptiert nämlich die Realität, dass Offene Jugendarbeit soziale Angebote schafft. Also konnte das Haus während dem zweiten Lockdown, der ja während der kalten Winterzeit stattgefunden hat, offenbleiben, bei – rigoros umgesetzten – Schutzmassnahmen und Personenbeschränkung natürlich. Dadurch war es dem Team dort etwa möglich, Jugendliche mit besonders schweren Problemen im warmen Haus zu empfangen. Und schwere Probleme sind, gerade während dem zweiten Lockdown, häufig aufgetreten. Zudem konnte man Jugendlichen, die in beengten Wohnverhältnissen oder unstabilen Familienverhältnissen leben, bei den Hausaufgaben helfen, Computer, die daheim nicht in genügender Zahl vorhanden sind, zur Verfügung stellen, auf denen sie Bewerbungen schreiben oder Schularbeiten erledigen konnten. In Basel-Stadt war das alles nicht möglich, die Beziehungsarbeit musste unter den freien Himmel verlagert werden. An Feuerschalen, auf Spaziergängen, durch Kälte und Schnee, wurde die Beziehungsarbeit hier geleistet. Dies alles, weil ein Amt die komplexen Realitäten unserer Arbeit nicht anerkennen will, was halt schon ein bisschen traurig ist.
Kalte Schulter für jüngste Kulturschaffende
Gleichzeitig wurde die Jugendkulturarbeit des Badhuesli, die sich an junge und jüngste Kulturschaffende richtet, in den Tiefschlaf versetzt. Dass während der Pandemie keine Konzerte und Workshops stattfinden konnten, war unserem Team vor Ort natürlich klar. Deswegen hatte es ja seinen wichtigsten Jahresanlass, das Pärkli-Jam, frühzeitig und aus freien Stücken, abgesagt. Aber der Umstand, dass die Proberäume im Haus, nach den Lockerungen des zweiten Lockdown, alle geschlossen bleiben müssen, obwohl nur unter strengsten Sicherheitsmassnahmen geprobt würde, obwohl die Proberäume des Vereins «Junge Kultur Basel» nun bespielt werden dürfen, ist schon schwer zu schlucken. Wieder sind es Worte, die hier Mauern bauen, welche heutzutage eigentlich nicht mehr gebaut werden sollten. Hier zeigt man vielen jungen und jüngsten Kulturschaffenden einfach die kalte Schulter. Wegen einem Konflikt um Begrifflichkeiten, der kaum eine Spur der Realität unserer Zeit in sich trägt. Das ist ebenfalls jammerschade.
Kälteresistent und computerkundig
Dem Elan, der Flexibilität, der Standhaftigkeit unserer Mitarbeitenden ist es zu verdanken, dass der Kontakt zu unserer jugendlichen Kundschaft trotz aller Widrigkeiten nicht abgebrochen ist. Die Teams von JuAr Basel sind nämlich genauso kälteresistent wie computerkundig. Unsere Mitarbeitenden haben alle denkbaren digitalen Kanäle genutzt, um den Kontakt und den Austausch, das Vergnügen und die Hilfe lebendig zu halten. Im Jugendzentrum Bachgraben wurde die Barracke, in der das Angebot beheimatet ist, im digitalen Raum nachgebaut, im Chill Out Kleinhüningen wurden allerlei Filme produziert, Talkshows sogar, in denen Jugendliche interessante Menschen interviewen. Im Jugendzentrum Eglisee hat sich das Team, nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Jugendlichen digital zu erreichen, auf die populäre Plattform Fortnite begeben, der es eigentlich eher kritisch gegenübersteht, und die Zeit dort höchst produktiv genutzt. Zudem hat es dabei einen virtuellen Raum erkundet, über den Erwachsene in der Regel (zu) wenig wissen – und in diesem Sinne Pionierarbeit geleistet. Wir könnten hier noch unzählige Beispiele anführen, aber dies würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Reale Projekte in der warmen Phase
Immerhin, in der Lockdown-Pause zwischen Sommer und Herbst konnten auch einige reale Projekte verwirklicht werden, etwa ein fachlich begleiteter Gender-Workshop im Mädona, unserem Treff für Mädchen und junge Frauen, zum hochaktuellen Thema Geschlechterrollen. Das Jugendzentrum Dreirosen organisierte einen Ferienausflug auf eine Alp, für junge Menschen aus Familien, die sich sonst keine Ferien leisten können. Unsere Jugendberatung betreute im letzten Jahr besonders happige Problemfälle. Auch im Moment wird sie von jungen Menschen, die dringend Hilfe benötigen, förmlich überrannt – und es ist beinahe unmöglich, Therapieplätze zu finden. Im Skatepark des PurplePark im Gundeli wurde eine neue Quarter-Ramp gebaut, unter massivem Einsatz der jungen Nutzer*innen. In Kleinhüningen konnten wir unser neues Jugendzentrum Chill-Out mit Pauken und Trompeten eröffnen. Und der Pavillon vor dem Jugendzentrum Eglisee erhielt endlich eine bunte Aussenwand, im Street-Art-Stil, gestaltet von der Künstlergruppe WandArt, in Zusammenarbeit mit Jugendlichen. Das Resultat können Sie auf dem Aufmacherbild dieses Berichts bewundern.
Motivation und Tatendrang unserer Mitarbeitenden
Jawohl, die Motivation und der Tatendrang der Mitarbeitenden von JuAr Basel sind in dieser schwierigen Zeit nicht zu bändigen. Auch nicht durch Diskussionen um Begriffe, Klassifizierungen und Genres, wie sie in Amtsstuben gerne geführt werden. Wir tun das Gute trotzdem, auch wenn das Bessere oft genug verhindert wird. Obwohl uns die Gering- und Unterschätzung unserer Arbeit natürlich verletzt. Aber wir sind es gewohnt, aus wenig viel zu machen. Die Zeit könnte ja – möglicherweise – auf unserer Seite stehen.
Zwei Jahrzehnte Mädona, Treff für Mädchen und junge Frauen


Längst hat es sich zu einem zweiten Daheim für viele Girls entwickelt, das Mädona, einziger Treff für Mädchen und junge Frauen in Basel. Das Mutterhaus an der Unteren Rebgasse ist inzwischen zu einem grosszügig ausgestatteten Jugendzentrum geworden, in den letzten Jahren hat das Team sogar expandiert, ins Gundeli. Doch die Anfänge waren bescheiden.
Von Christian Platz
Alt und neu: Auf den Fotos sind das erste und das heutige Domizil des Mädona zu sehen, angefangen hat die Mädchenarbeit von JuAr Basel vor 20 Jahren in einem winzigen Laden an der Müllheimerstrasse 87, der bei Vollbelegung jeweils aus allen Nähten platzte. Lange haben das Team des Angebots und unsere Organisation nach einem grösseren Ersatz gesucht, viele Räume wurden ins Auge gefasst, manchmal standen wir ganz nahe vor Vertragsabschluss – und dann hat sich die Hoffnung wieder zerschlagen. Für das engagierte Team um Monika Walti, das in der kleinen Raumhülle hervorragende Mächenarbeit machte – sie waren auf ihrem Feld echte Pionierinnen –, gestaltete sich dieser Suchprozess zermürbend und frustrierend. Einmal hätten sie beinahe in die Kaserne einziehen können, es wurde sogar ein komplexer, zeit- und nervenraubender – Planungsprozess durchgeführt, aber auch diese Hoffnung zerschlug sich. Dann kam die Phase, in der es so aussah, als würde sich in dieser Sache nichts mehr bewegen, Stillstand und Frustration machten sich breit, Monika verliess leider unsere Organisation. Damals stellte sich tatsächlich die Frage, ob das wichtige Angebot, das für viele Mädchen und junge Frauen bereits zu diesem Zeitpunkt die Welt bedeutete, das ihnen Selbstbewusstsein und ein Heimatgefühl vermittelte, mit einem Team, das ihnen in schwierigen Zeiten mit Rat und Tat zur Seite stand, überhaupt noch eine Überlebenschance hat…
Dann kam die Wende…
Keine grosse Gegenliebe
Doch zuerst möchten wir uns noch eine Zwischenbemerkung erlauben. Es war alles andere als einfach, unser Angebot für Mädchen und junge Frauen zu etablieren, obwohl die Zeit dafür im Gründungsjahr – weiss Gott – schon überreif war. Schon damals war das Bedürfnis der Girls nach einem eigenen Raum gegeben, einem eigenen Jugendzentrum, in dem sie mal ohne Jungs rumhängen, sich über ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und Nöte austauschen können, sich Rat (und Tat) holen können. Interessanterweise stiess das Projekt schon in seiner Anfangsphase auf allerlei Hürden. Bei Ämtern, Fachgremien, ja sogar bei Institutionen, die man eigentlich als feministisch klassifizieren würde, kam es nie so richtig an. Natürlich stiess es auch bei der – damals sehr männerdominierten – politisch konservativen Seite nicht auf grosse Gegenliebe – «warum nur für Mädchen?», wurde damals oft gefragt – «Dann muss es unbedingt auch einen nur für Jungs geben», wurde dann meistens gesagt. Und wenn ihnen gar nichts mehr eingefallen ist: «Ihr wollt die Mädchen zu linken Feministinnen erziehen». Dabei wurde ein Angebot mit politischem Ballast beschwert, das in Wirklichkeit sehr pragmatisch konzipiert war. Natürlich wissen alle Jugendarbeitenden, dass Jungs im Jugi die Stimmung oft dominieren, dass Mädchenthemen, Mädchensorgen in diesem Rahmen vor allem in den damaligen Zeiten selten zum Tragen kamen, dass die Wünsche und Vorstellungen der Girls in einem gemischten Treff eher seltener zur Sprache kommen. Gleichzeitig war der Wunsch der Mädchen bekannt, eigene Räume zu haben, in denen sie chillen, feiern und ihre Anliegen besprechen können. Auf dieser Grundlage beruht das Erfolgsrezept des Mädona von Anfang an. Im Wesentlichen hat sich dies bis heute nicht geändert. Wenn nicht durchgehend Stiftungen, etwa die CMS oder die Sulger Stiftung, grosszügig eingesprungen wären, wäre dieses Angebot fast nicht finanzierbar.
Untere Rebgasse 27
Die Wende kam in Form eines privaten Angebots. Ein Ladenlokal an der Unteren Rebgasse wurde frei, dem Hausbesitzer war das Mädona sympathisch – und, voilà, die Lösung war da. Von aussen sieht es wie ein kleines Domizil aus, aber der Eindruck täuscht, es gibt da ein geräumiges verstecktes Innenleben, mit Küche, Keller, Kino, Werkstatt, Tanzraum. Damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Anfänglich gab es noch kritische Stimmen, das Lokal sei ja quasi in der Rotlichtzone des Claraplatzes, da könne man doch keinen Mädchentreff installieren.
Doch das Team, seit vielen Jahren besteht es aus Carmen Büche und Angi Halbeisen-Orlando, etablierte das Angebot in Windeseile. Bald schon fanden Besucherinnen aus der ganzen Stadt hierher. Das Mädona war so erfolgreich, dass es in den letzten Jahren sogar ins Gundeli expandieren konnte. Zwanzig Jahre lang haben die Teams dieses Jugendzentrums erfolgreich gewirkt, Zwanzig Jahre lang haben sie bewiesen, dass es ein spezielles Angebot für Mädchen wirklich braucht, Zwanzig Jahre, ein Geburtstag, den wir gebührend zu feiern gedenken, so wie es die Pandemie-Situation erlaubt. Im nächsten gedruckten JuAr Basel Magazin, es erscheint im kommenden Herbst, wird es eine grosse Reportage über das Haus Mädona und seine Geschichte geben.
Jugendarbeit in der Welt der Bücher und Medien

Simon Zimmermann ist – im Rahmen der Offenen Jugendarbeit, die JuAr Basel in den Filialen der GGG Stadtbibliothek leistet – für die grosse Zentrale im Schmiedenhof zuständig. Unsere Mitarbeitenden in den Bibliotheken wurden während den Lockdowns phasenweise förmlich von Jugendlichen überrannt, weil sie die einzigen Jugendangebote führen, die zeitweise geöffnet blieben, allerdings nur als Lesesäle, nicht als Orte der Jugendarbeit. Die Beziehungsarbeit ist deshalb auch bei ihnen weggebrochen, sie verwandelte sich – wegen den Schutzmassnahmen – zusehends in einen Ordnungsauftrag. Trotzdem konnte Zimmermann auch während der Pandemie einige beachtliche Projekte durchziehen, teilweise auch in der digitalen Welt.
Von Christian Platz
Die Jugendarbeit in der grossen Zentrale der GGG Stadtbibliothek bringt andere Herausforderungen als jene in den Quartierbibliotheken. Sie bietet mehr Raum, mehr Gelegenheit für Veranstaltungen und Projekte. Dabei ist Simon in seinem Element, denn er ist ein begabter Vernetzer, immer am Puls seiner Kundschaft und deren Interessen, er kennt die Trends und Vorlieben der Jugendlichen, zudem ist er sehr fit mit Computern, Programmen, Internet-Geschichten aller Art. Zum Glück, denn vieles musste letztes Jahr in der digitalen Zone stattfinden. Gerade Angebote, deren Inhalt dem klassischen Bibliotheksangebot eigentlich am nächsten sind, sich also mit dem Metier des Lesens und Schreibens befassen, konnten in der Computerwelt bestens weitergeführt werden.
Projektstau
Der Lesezirkel, die Book Hunter und der Schreibclub trafen sich alle online. Auch die Beziehungsarbeit musste weitgehend auf Zoom stattfinden. Ein grosses Glück war, dass die grosse Harry Potter Nacht, die Simon mit Jugendlichen zusammen auf die Beine gestellt hat, letzten Herbst in glorioser Art und Weise durchgeführt werden konnte. Er staunt noch heute darüber, dass es möglich war, womöglich hatte es mit Zauberei zu tun. Zudem hat Simon letztes Jahr, wenn Flaute war, als Coach für junge Bibliotheks-Mitarbeitende gewirkt. Ansonsten erlebte er einen massiven Projektstau – es waren Workshops und Veranstaltungen mit Künstlern*innen geplant, die mussten wegen der Schutzmassnahmen immer wieder verschoben werden, was die Nerven aller Beteiligten natürlich strapazierte. Die Meisten davon konnten bis anhin noch nicht über die Bühne gehen, haben aber neue Daten für das laufende Jahr erhalten, was für den Jugendarbeiter bedeutet, dass er fast keine neuen Veranstaltungen anreissen kann, weil so viele noch in der Warteschlaufe stehen. «Dabei muss ich unsere Partner immer bei Laune halten, von Verschiebung zu Verschiebung», sagt er.
Tag gegen Rassismus
Ein weiteres Problem ist, dass in der Zeit der Pandemie und der Schutzmassnahmen kaum neue Jugendliche die Bibliothek entdeckt haben, phasenweise kam die Stammkundschaft zwar in Massen, doch der Nachwuchs fehlt momentan. Es würde einige Zeit dauern, bis diese Lücke wieder aufgefüllt werden könne und die jüngeren Jugendlichen die Bibliothek wieder entdecken würden, so Simon. Er selber hat kürzlich aber etwas entdeckt, auf Instagram, dass Radio X einen «Tag gegen Rassismus» plante nämlich. Also hat er das Thema im Schreibclub beliebt gemacht – und erhielt alsbald zwei hochinteressante Textbeiträge von Jugendlichen. Einer davon konnte vom Autor in der Sendung vorgelesen werden. Daraus ergibt sich womöglich bald eine regelmässige Zusammenarbeit zum Thema Rassismus, zwischen Radio und Schreibclub. Zukunftsmusik, aber ein weiterer Beweis für das findige Vernetzungsvermögen dieses Jugendarbeiters.